Bloss keinen Streit? Zum Clash von Lebenswelten im Taufgespräch

Als Pfarrerin mit fünf eigenen Kindern bin ich bei Taufgesprächen in einer besonderen Situation. Als meine Kinder
klein waren und ich im Teilzeitpfarramt war, ergab sich häufig
recht schnell eine solidarische Nähe, ein selbstverständliches
Anteilnehmen an den Nöten der Nächte, an den Freuden
der unvorstellbar grossen Schritte des Lernens im ersten
Lebensjahr. Manchmal ergab sich auch ein Austausch über
das Zusammengehen von Berufstätigkeit und Familienverantwortung,
über die Qualität von Kinderkrippen und dasEngagement von Vätern. Ich sah mich in der Rolle der Mutmacherin
und freute mich darüber. Bestärkt dabei hat mich
mein Verständnis des christlichen Glaubens als Ermutigung
zum je eigenen Weg, als Quelle von Liebe, Vertrauen und
Hoffnung und als Anstiftung zum Engagement für Gerechtigkeit,
Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, um es
mit diesen eingeschliffenen, aber halt doch zentralen Begriffen zu sagen.

 «Man muss sich halt entscheiden»

Ähnliche Begegnungen gibt es immer noch. Doch es gibt
auch andere und ich bin nicht sicher, ob sie sogar häufiger
geworden sind. Ich begegne Eltern, die sich mit einer je
unterschiedlichen Mischung aus Selbstzufriedenheit, Aggression,
Bitterkeit und Überheblichkeit von den Eltern absetzen,
welche «ihre Kinder nur in die Krippen stecken und sich
nicht selber um sie kümmern.» «Wenn man Kinder will,
muss man sich halt entscheiden!» ist das Votum, das ich zu
hören bekomme, meist von den Müttern.

In meiner jetzigen Situation in einer recht grossen Gemeinde
wissen die Taufeltern oft gar nicht, dass sie einer berufstätigen
Mutter gegenüber sitzen, die tatsächlich immer gearbeitet und
die für gewisse Zeiten die Dienste von Krippen in Anspruch
genommen hat und sich die Erziehung und Begleitung ihrer
Kinder von Grund auf mit dem Vater geteilt hat.

 Ein schales Gefühl

Was soll ich tun? Einen Streit anfangen mag ich nicht. Von
mir zu erzählen halte ich auch nicht für angebracht. Ich muss
mich nicht rechtfertigen und ich muss nicht missionieren.
Und ich finde tatsächlich, dass jedes Paar, das sich für Kinder
entscheidet, grossartig ist und es liegt mir fern, jemandem
vorzuschreiben, wie sie sich dabei zu organisieren haben.
Meistens übergehe ich also diese Bemerkung und komme
auf andere Themen, die für die Vorbereitung einer Taufe
wichtig sind. Doch es bleibt ein schales Gefühl. Ich realisiere,
wie meine Freundlichkeit und mein Interesse fassadenhaft
werden und die Begegnung nicht wirklich eine solche ist.

Was also wäre die Alternative?

Nachfragen

Warum eigentlich könnte das Gespräch nicht ganz anders
verlaufen? Warum frage ich nicht ganz einfach mehr nach,
zum Beispiel so:

«Wenn man Kinder will, muss man sich halt entscheiden!»

Nachfrage: Wie war das bei Ihnen? Was haben Sie gemacht,
bevor Sie schwanger wurden? Was hat Ihnen Freude gemacht
an Ihrem Beruf? Welche Überlegungen waren für Sie
wichtig vor dem Entscheid zur Schwangerschaft? Welche
Überlegungen waren für Sie wichtig beim Entscheid, die Berufstätigkeit
aufzugeben? Wie ist es Ihnen dabei gegangen?

Oder so: Ich höre bei Ihnen so etwas wie Groll heraus; Groll
gegenüber andern Frauen, die auch Mütter sind und daneben
im Beruf etwas haben, auf das Sie verzichtet haben. Habe
ich da richtig gehört? Was steckt darin, wenn Sie sagen, dass
man sich halt entscheiden müsse?

Oder so: Sprechen Sie mit andern Müttern über diese Fragen?

Oder so: Sie haben sich entschieden. War das einfach für Sie?
Hätte es auch anders kommen können, wenn die Umstände
in Ihrem Beruf anders gewesen wären? Ich habe kürzlich das
Buch «Macho-Mamas» gelesen, in dem beispielsweise steht,
dass es ein grosser Fortschritt wäre, wenn Frauen zur
Schwangerschaft nicht nur einen Blumenstrauss bekämen,
sondern auch eine Einladung zu einem Gespräch für eine
angepasste Karriereplanung. Eine Karriere, bei welcher Zeit
gegeben ist für kleine Kinder und doch auch interessante
berufliche Wege offen bleiben.

Oder so: Was fasziniert Sie am Zusammenleben mit Kindern?
Was wünschen Sie sich in unserer Gesellschaft für Familien
mit kleinen Kindern? Gibt es da auch einen guten
Platz für Berufstätigkeit und Familienleben? Wie diskutieren
Sie diesen Entscheid in Ihrer Partnerschaft? Inwiefern ist
der Lebensentwurf Ihrer Familie Thema und Gegenstand
von Diskussionen?

Oder so: Ich höre aus ihren Worten ein starkes Werten bezüglich
Berufstätigkeit und Muttersein. Habe ich da richtig
gehört? Wie meinen Sie das genau?

Mehr Nähe und wirkliche Begegnung

Ja, warum frage ich nicht mehr nach? Habe ich Angst? Wovor?

Ist es die Angst, es könnte zu einem Konflikt kommen
zwischen mir, der Pfarrerin, und meinen GesprächspartnerInnen,
die man doch möglichst bei der Stange halten muss
in diesen für die Kirche so schweren Zeiten? Oder ist es –
womit ich besser vor mir selber da stehe – schlicht der
Respekt vor einem anders organisierten Leben?

Beim Nachdenken über meine bisherige Praxis merke ich,
dass gerade mein Ausweichen mehr Distanz schafft und ein
wirkliches Nachfragen zwar Differenzen zu Tage bringen würde, aber doch auch eine Nähe und Verbindlichkeit im Fragen nach dem, was einem im Leben wirklich wichtig ist.

Und das gehört doch zur Vorbereitung auf die Taufe.

Jacqueline Sonego Mettner, FAMA-Redaktorin, Pfarrerin in Meilen

 

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2 Antworten zu Bloss keinen Streit? Zum Clash von Lebenswelten im Taufgespräch

  1. ursulavock schreibt:

    Regt mich an zu weiteren Nachfragen: „Man muss sich entscheiden“: Ich höre daraus eine Forderung an die Frauen. Gilt dies nur für die Mutter oder auch für den Vater?“

    Oder so: „Können Sie sich vorstellen, dass es für Kinder auch hilfreich sein könnte, wenn Ihre Mutter beruftstätig ist? Nicht nur auf die Kinder fokussiert, sondern noch einen anderen Lebensinhalt hat? Es kann überfordernd sein, dem Elternteil, der allein für die Kinder da ist, Lebenssinn zu sein.“

    Oder noch einmal anders: „Entscheiden.“ Kinder und Beruf – das schliesst sich für Sie also gegenseitig aus? Was spricht in Ihren Augen für das Entweder-Oder statt für ein Sowohl-als auch? Welche Erfahrungen haben Sie mit Entweder-Oder-Entscheidungen schon gemacht?

    Aber ja, das Entscheidende ist, mich mit solchen Fragen exponieren zu wollen. Auf die Gefahr hin, für Irritation zu sorgen. Nicht nur als Pfarrerin bei Taufgesprächen. Auch sonst. Das nehme ich mir nach dem Lesen vor.

    Ursula Vock

  2. KaWi schreibt:

    „Familienbande“ lesen von Christina Caprez – entlastet ungemein von Idealvorstellungen, die doch nie so ideal waren …

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