Mit Gott im Fundbüro

Was sind das bloß für Frauen, die sündhaft teure Dessous im Zug liegen lassen? Wer vergisst denn, seine Waschmaschine am Flughafen abzuholen? Im Fundsachenbüro der SBB in Wollishofen werden täglich(!) 2000 Gegenstände abgegeben. Weniger als die Hälfte finden zu ihrer ursprünglichen Besitzerin zurück oder werden vom Besitzer abgeholt. Es gibt fast nichts, was es hier nicht gibt. Alles fein säuberlich sortiert, gewertschätzt und zur Präsentation im Laden herausgeputzt. Ein bunter Punkt gibt Auskunft darüber, ob das Ding am Flughafen Genf, Zürich oder im Zug ohne Eigentümerin weiterzog.
Es berührt zu sehen, was alles verloren und vergessen wird: Von A wie ausgestopfte Tiere bis Z wie ziemlich teurer Schmuck.
Schade eigentlich, dass es kein Fundbüro für einst beteuerte Freundschaften gibt. Aus den Augen, aus dem Sinn – auch so mancher Lebenstraum. Praktisch wäre doch eine Annahmestelle für versäumte Geburtstage oder eine Kiste mit verlorenen roten Fäden.
Die vergessenen Kuschelrock-CDs erinnern an jugendliche Leichtigkeit und – meine Güte, ist das lange her – ein noch zart gebrochenes Herz. So manches blieb seither auf der Strecke und Scherben säumen beim Rückblick so manches Wegestück. Ach, Gott!

Mein Umherirren schreibst du selbst auf. Sammle meine Tränen in deine Schale. Sind sie nicht in deinem Buch? (Ps 56,9)

Dutzende Wanderstöcke und an die Decke gehängte Roller ermahnen mich, rufen zur Weiterfahrt und fordern auf, noch viele Wege unter die Füsse zu nehmen. Fortschritt ist geboten. Doch wer räumt das Verlorene auf?
Ja, da gibt es ein tiefes Vertrauen, dass Gott meine Scherben und verlorenes Glück für mich sammelt, so wie die Tränen und alle Namen von denen, die verloren gehen.
Ich stöbere in den Sammelstellen der heilenden Schrift nach Gott, die unsere Verluste kennt und nicht vergisst. Niemals.

Weil du in meinen Augen teuer bist, du mir wichtig bist und ich dich liebe. Ich gebe Menschen an deiner Stelle und Völker für dein Leben.
Hab keine Angst, denn ich bin bei dir. Von Osten bringe ich deine Kinder und im Westen sammle ich die Deinen.
Ich sage zum Norden: „Gib her!“ und zum Süden: „Halte nicht zurück!“
Ich bringe deine Söhne heim aus der Ferne,
und deine Töchter von den Enden der Erde.“ (Jes 43,5f)

Das Fundbüro in Wollishofen funktioniert mit klaren Ablaufprozessen: Annahme aller Fundgegenstände (unsortiert!). Dann kommt das Sortieren, Prüfen, Löschen der so genannten persönlichen Daten und eine Preisbestimmung durch fundsachenverkauf.ch GmbH.
Ob auch Gott die Bruchstücke einst zusammenfügen wird? All diejenigen, die uns lieb und teuer waren wieder findet? Um jeden Preis?

Denn ihr sollt nicht in Hast ausziehen und nicht in Eile fliehen, denn GOTT wird vor Euch hergehen und als Nachhut die Gottheit Israels. (Jes 52,12)

Belustigt ziehe ich diesen Satz aus dem Wühltisch biblischer Weisheiten. Die Hast ist die Feindin der Sammlerin Gott. SIE schreitet voran, würdig und stolz und ein weiterer Teil von IHR wird dafür sorgen, dass nichts im Leben verloren geht. Also nur nicht hetzen, denke ich.

„Hallo, Sie haben da was vergessen!“ Mit einem Seufzer der Erleichterung greife ich mein Portemonnaie aus den Lebensmitteln des nächsten Kunden, die bereits über die Kasse laufen. Ich lächle etwas beschämt. Zukünftig verzichte ich vielleicht besser auf Lose und Punktesammelkarten, Gutscheine und Aktionsgeschenke, die mich in der Rushhour oft vergessen machen, was ich eigentlich wollte. Jedenfalls wollte ich nicht Superpunkte sammeln und kumulieren in selbstvergessener Eile, sondern konzentriert einkaufen. Zeit um Vergessenes später zu holen – vergiss es.

Im Kopf quakt mir Brechts Dreigroschenoper: „Ja renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“
(Lied über die Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens). Die Belustigung von zuvor ist dahin. Denn auch Gott kann nichts sammeln, das nicht da ist. All das, an dem ich vorbeigehastet bin, was ich nicht wahrgenommen habe, Lebenszeit, die ich vergeudet habe, bleibt verloren.
Doch auch das ist der Sammlerin bekannt, auch SIE kennt die Abwendung im Zorn und in der Enttäuschung. Zum Glück gibt es einen Ort, an dem sich alles wieder findet.

Denn wie eine verlassene Frau,
wie eine mit betrübtem Sinn hat GOTT dich gerufen.
Wie zu einer Geliebten der Jugend, einst verschmäht, spricht deine Gottheit:
Eine kleine Weile habe ich dich verlassen,
aber mit tiefer Liebe will ich dich sammeln. (Jes 54,6f)

Der Leiter des Fundbüros zeigte mir am Schluss meiner Stöbertour Dinge, die nicht im Laden zum Verkauf stehen. „Glücksbringer“ aus allen Kulturen: Einen sichtlich gebrauchten Koran, Ketten mit Schutzpatroninnen, bronzene Buddha-Statuen für die Handtasche, Engel in jeder Form, ein hinduistischer Gott Ganesa mit Rüssel und ein Gefäss für verschiedene Farbpulver, reich an Ornamenten, von dessen Bedeutung wir beide keine Ahnung haben.
Möglich also, dass Gott für uns etwas einsammelt, von dem wir noch nicht wussten, dass es das gab. Gott, mein unergründliches Fundbüro.

Katja Wißmiller
(weiter zum Thema in FAMA 4/2013)

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