Hurra, es lebe die FAMA

Feministische Theologie wozu und wohin?
(Béatrice Bowald)
Die FAMA setzt sich seit dreissig Jahren aus feministisch-theologischer Perspektive mit aktuellen Themen und wichtigen Fragen auseinander. Doch sind weder Feminismus noch Theologie in unserer Gesellschaft selbstverständlich, weshalb eine Standortbestimmung angezeigt ist.

Ernüchterung. Feminismus ist nach wie vor für viele – Männer wie Frauen – ein Schreckgespenst. Er würde Familie und Gesellschaft zersetzen, wovor gerade auch gewisse kirchliche Kreise warnen. Seine Protagonistinnen werden als Männer hassend und verbissen empfunden, was abschreckt, jedenfalls in der heutigen Zeit nicht zum Vorbild taugt. Für andere ist er schlicht überholt. Schliesslich gibt es genug Beispiele von Frauen, die ihren Weg ohne Fördermassnahmen gemacht haben und darauf erst noch Wert legen. Andere sehen im Feminismus keinen gangbaren Weg, weil damit Männer und System infrage gestellt würden, was zu Spaltung führe und das Leben erschwere. Viel grundlegender noch wird der Feminismus dadurch herausgefordert, als es den Anschein macht, das Subjekt Frau sei ihm abhanden gekommen. Einerseits fehlen der Bewegung die Frauen, womit diese zu Ende gegangen bzw. zu einer Phase in der Geschichte geworden ist. Andererseits hat in der Wissenschaft die Kategorie „Gender“ Einzug gehalten, die die Kategorien ‚Frau’/‚Mann’ von Grund auf hinterfragt und ein Sprechen von Frauen und Männern unmöglich zu machen scheint.

Zur Sprache bringen. Ausgehend von der Erfahrung, als Frauen in mannigfacher Art Zurücksetzung zu erfahren, haben sich Frauen aufgemacht, ihre Sicht der erlebten Wirklichkeit darzulegen. Dabei ging es auch in der Feministischen Theologie nicht nur darum, die fehlenden Frauen aufzuspüren und in die Geschichtserzählungen einzufügen oder einseitige Weiblichkeitsbilder zu korrigieren, sondern Kultur und Denksysteme, die bislang von Männern geprägt worden sind, grundlegend zu verändern. Auch wenn dies noch nicht verwirklicht ist, hat Feministische Theologie doch Einiges in Lehre, Forschung und kirchlichem Selbstverständnis in Bewegung gebracht. So hat sie ein einseitig männliches Gottesbild korrigiert, zu einer neuen Sensibilität in liturgischer Sprache oder neuen Erkenntnissen in der Interpretation der Bibel geführt. Zugleich bleibt sie aber Stachel im Fleisch, wie Kontroversen um Lehrstuhlbesetzungen oder die Bibel in gerechter Sprache zeigen.

Infrage gestellt. Kritik hat Feministische Theologie nicht nur von GegnerInnen erfahren. In den 1990er Jahren haben ihr Frauen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika vorgeworfen, sie könne aufgrund von bestehenden Ungleichheits- und Machtverhältnissen nicht im Namen von allen Frauen sprechen. Die Kritik von Frauen mit anderem Hintergrund als jenem von ‚weissen, westlichen Mittelstandsfrauen’ machte deutlich, dass es nicht einfach die (Unrechts-)Erfahrung von Frauen gibt. In der Folge entwickelte sich immer mehr ein Sensorium für die Differenzen unter Frauen, weshalb Feministische Theologie im Plural bzw. als Kontext bezogene Theologie zu verstehen ist.
Neu stellt sich die Frage, ob sich mit der Geschlechterforschung das Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit aufgelöst und von selbst erledigt hat. Denn die bisherige Beschäftigung mit Frauenleben und -sichten in ganz unterschiedlichen Kontexten basiert auf der Vorstellung, dass es naturgegeben zwei Geschlechter gibt. Doch verschleiert diese Annahme nach Meinung der bedeutenden amerikanischen Philosophin Judith Butler, dass Zweigeschlechtlichkeit kulturell bedingt ist, und dient letztlich zur Legitimation von Geschlechterungleichheit. Dabei würden wir Geschlecht erst im alltäglichen Handeln herstellen, also das, was wir als weiblich oder männlich betrachten bis dahin, wie wir uns als ,Frau’ oder ‚Mann’ in unserem Körper fühlen. Begrifflich wird das als „doing gender“ bezeichnet. Das Wissen darum und die damit gegebene Möglichkeit der Veränderung sind ernst zu nehmen. Trotzdem sind „feministische Kernthemen“ wie „die weltweit nahezu ausschliessliche Zuständigkeit von Frauen für die Reproduktionsarbeit“[1] oder Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts auf dem Arbeitsmarkt und beim Zugang zu Bildung nach wie vor aktuell, weshalb weiterhin ein Engagement gegen diese Ungerechtigkeiten erforderlich ist.

Befreiung erinnern und Visionen wach halten. Feministische Theologie erinnert an Gottes befreiendes Handeln. An die frohe Botschaft, dass Gott zu einem aufrechten Gang verhilft. Daran, dass Gott jede und jeden Einzelnen von uns beim Namen gerufen und noch vor jeder Leistung – und jedem „doing gender“ – angenommen hat. Dafür eine verständliche Sprache zu finden und die Sinndimension menschlichen Lebens in unserer Gesellschaft wachzuhalten, sehe ich als eine wichtige Aufgabe.

Die Vision einer gerechteren und für alle lebensförderlichen Welt aufrecht zu halten, Gesellschaft in diesem Sinn kritisch zu begleiten und Prozesse der (Selbst-)Reflexion anzustossen, gehört zu ihrem Selbstverständnis. Feministische Theologie verkörpert damit par excellence eine unverzichtbare Funktion von Religion überhaupt in der heutigen Gesellschaft.

Béatrice Bowald, Dr. theol., FAMA-Redaktorin, Co-Leitung Pfarramt für Industrie und Wirtschaft BS/BL.


[1] Sabine Hark, Feministische Theorie heute: Die Kunst, ‚Nein’ zu sagen, in: feministische Studien 31. Jg., Mai 2013, Nr. 1, S. 65-71, hier 67.

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5 Antworten zu Hurra, es lebe die FAMA

  1. Eine wohltuende Analyse. Gerade die kontextuellen feministischen Theologien aus dem Weltsüden und -osten brachten und bringen eine Sensibilisierung auf Differenzen nebst dem Geschlecht wie Klasse, Ethnie, Kultur. Auch ökofeministische Ansätze sind ein wichtiger Beitrag für die aktuelle Diskussion.

  2. PS: Dazu die bolivianische Bibelwissenschafterin und indigene Theologin Maria Chavez Quispe im Frauenbrief 2008 von mission21 – evangelisches missionswerk basel: „Es ist wichtig zu erwähnen, dass es im von uns erlebten sozioökonomischen und patriarchalen System eine Hierarchisierung der Macht gibt, nach welcher nicht einfach alle Männer Teil des dominanten Teils sind, sondern eine breite Mehrheit der Männer ebenfalls beherrscht wird, wenn auch auf andere Art als die Frauen. Üblicherweise entstammen die dominierenden Männer einer eichen sozialen Klasse, sind in ihrer Mehrheit weiss und sind Väter, die die Heterosexualität bestärken. Die (öko)feministische Perspektive positioniert in diesem Kampf für einen Wandel nicht Männer gegen Frauen, sondern zeigt die Schlingen der AUsgrenzung und UNterdrückung auf, die beide betreffen. Als Konsequenz davn entsteht oder sollte eine Solidarität zwischen Männern und Frauen im Einsatz für eine bessere Welt entstehen.“

  3. matmoni schreibt:

    Wenn doch nur jene, die mit der Schimpfwortkreation „Genderismus“ um sich schlagen, solche Ausführungen lesen würden. Vielleicht würden sie merken, wie total falsch sie Feminismus und Gender-Theorien verstehen? Oder bin ich da hoffnungsvoll resp. hoffnungslos naiv?

  4. Béatrice schreibt:

    Vielen Dank für die Ergänzungen! Sie zeigen, wie vielfältig und bereits seit längerem in der feministischen Theologie aus dem Kontext heraus und darauf hin gedacht wurde. – Und erinnern mich daran, dass Elisabeth Schüssler-Fiorenza den Begriff des Kyriarchats eingeführt hat, um die Verflechtungen in den Herrschaftsstrukturen angemessener beschreiben zu können. Im Hinblick auf die Debatte um Feminismus und Gender scheint mir der Vortrag von Doris Strahm zu „Anliegen und Entwicklungen feministischer Theologie“ (http://www.doris-strahm.ch/Strahm_1_01.pdf) nach wie vor lesens- und bedenkenswert.

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