„Diese Kirche, aber anders“

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Galerie © K.Wißmiller

Keine andere Kirche, sondern diese Kirche, aber anders – so formulierte es Anton Schwingruber vor der Stiftskirche St.Gallen und so wünschten es sich viele, die am 9. März auf der Demonstration in St. Gallen deutlich machten: „Es reicht“ mit pastoralen Zumutungen und medialer Verengung des Schweizer Kirchenauftritts.
Nicola Ottiger und Markus Arnold fassten die Gründe der Kundgebung zusammen:
Es führte ein langer Weg zum 9. März 2014: Der Dialogversuche waren viele, Unterschriftensammlungen, Erklärungen etc. Nie gab es eine so starke gemeinschaftliche Bewegung und Organisation wie auf diesen 1. Fastensonntag hin. Die Aussagen von Chur im vergangenen Winter – bezüglich der verschränkten Arme statt Kommunion, der Hirtenbrief zum „Menschenrechtstag“ zum „Genderismus“ (nach dem Modell von Rechtspopulisten, Rechtskonservativen und manchen Evangelikalen), und der Churer „Sonderzug“ hinsichtlich der päpstlichen Ehe- und Familie-Umfrage haben das Fass zum Überlaufen gebracht.  

Kirchenpolitisch: Aus dem Bistum Chur kommen seit Jahren und Jahrzehnten Signale und Verlautbarungen, die einem Katholizismus auf dem Boden des II. Vatikanischen Konzils und seinem Aggiornamento zuwiderlaufen. Das hat System. Auch der Nachfolger von Bischof Huonder wird dereinst dieselbe Linie vertreten, denn das Wahlkollegium ist  mit Würdenträgern derselben Gesinnung besetzt. Es ist zu erwarten, das Martin Grichting, der schon lange gegen die staatskirchenrechtlichen Strukturen polemisiert, sein Nachfolger werden wird. Deshalb fordert die Kundgebung einen Administrator für das Bistum, der Strukturen bereinigt.

Staatskirchenrechtlich: Wir haben in der Schweiz bewährte staatskirchliche Strukturen, die, wie es sich gehört, von Kanton und zu Kanton verschieden sind. Gemeinsam ist: Es wird auf die Einvernehmlichkeit zwischen Kirche und staatskirchlich verfassten Körperschaften (z.B. Kirchgemeinden) gesetzt.

Diese Strukturen fördern Mitverantwortung, Engagement und Selbstbewusstsein vieler Laien in Pfarreien und Kirchgemeinden. Darum finden wir bei uns vielerorts lebendige, partizipative Pfarreien. Dagegen läuft vor allem Generalvikar Grichtung seit Jahren Sturm. Er will diese Körperschaften ersatzlos aufheben. Wie dann unsere Kirche finanziert werden soll, hat er noch nie ausführlich dargelegt. Diese Haltung ist durch und durch destruktiv und bedroht unsere Kirche in ihrer Existenz.

Theologisch: Bischof Huonder verkündet immer wieder theologische Halb- und Unwahrheiten. Seine Theologie ist ideologisch. Sein Verständnis des Katholizismus stammt aus dem 19. Jahrhundert: Das Lehramt leitet die Dekrete Gottes weiter, die Laien haben gehorsam zu hören und sich danach zu richten. Als Sanktion wird der sakramentale Segen verweigert.
Bischof Huonder leistet es sich deshalb, wissenschaftliche Theologie und den sogenannten „Glaubenssinn der Gläubigen“ (der Sinn des Kirchenvolkes für Glaubensangelegenheiten) zu ignorieren. Nach dem II. Vatikanum – und nach der kirchlichen Tradition – tragen diese beiden Instanzen ebenfalls zur Wahrheitsfindung der Kirche bei. Für Bischof Huonder hat das keine Relevanz.
Die Aussage von Chur, dass zum Beispiel ein Sakrament nicht „wirke“ bei einer Person, die sich eines Vergehens im Bereich der Sexualmoral schuldig mache (wobei nicht einmal der Schweregrad des „Vergehens“ unterschieden wird), ist theologisch schlicht falsch. Hochproblematisch ist, was Bischof Huonder schon vor Jahren geäussert hat: Dass nämlich, wer ihm widerspreche, Christus widerspreche. Beispiele für theologisch problematische Aussagen gibt es über die letzten Jahre viele.

Seelsorgerlich: Menschen mit „Makeln“ werden stigmatisiert und diskriminiert. Der Kriterienkatalog nach Chur ist bekannt; gerade die Umfrage des Papstes zu Ehe und Familie zeigt aber beispielsweise, dass weite Teile der Basis der katholischen Kirche – auch im eher konservativen Deutschland – der Überzeugung sind, dass katholischer Glaube nicht steht und fällt mit Vorgaben der Sexualmoral. Auch Bischöfe und Fachtheologen äussern sich in dieser Hinsicht (Bischof Ackermann von Trier; Kardinal Lehmann etc.).

Pastoral: Berufene und fähige kirchliche MitarbeiterInnen werden unter Druck gesetzt. Es wird immer wieder zur Denunziation von SeelsorgerInnen aufgerufen. Studierende sind für Bischof Huonder vor allem als ideologiekonforme Priesteramtskandidaten interessant – sogar dann, wenn diese als Priesteramtskandidaten in anderen Bistümern schon abgewiesen wurden. Deshalb hat sogar der jetzige Regens des Bistums Chur seine Demission eingereicht. Das Bistum Chur sorgt sich nicht um kirchlich dringend benötigten Nachwuchs, sondern verhindert ihn mit seinem Auftreten in der Öffentlichkeit und mit seinem Verhalten gegenüber Menschen, die bereit wären, sich in den kirchlichen Dienst zu stellen.

Katholische Kirche in der Schweiz: Das Bild der katholischen Kirche in der Schweiz wird medientechnisch seit langem von Aussagen und Parolen von Bischof Huonder, Generalvikar Martin Grichting und Pressesprecher Giuseppe Gracia bestimmt. Zugegebenermassen beeindruckend; es stimmt in Stil und Auftreten mit der rechtspopulistischen Propaganda überein. Wann zeigt die „andere“ Schweizer Kirche, anzahlmässig der (erz-)konservativen Minderheit weit überlegen, ihr Gesicht?

Warum sucht man nicht den Dialog? Unzählige Versuche des Dialogs und Bittschriften gab es schon. Es ist nicht wahr, dass der Dialog nicht schon längst gesucht worden wäre. Dass nicht gebetet worden wäre. Und gelitten! Aber Bischof Huonder verweigert jeglichen Dialog mit der Basis, denn sie kommt in seinem Kirchenbild nur als „gehorsame“ und „hörende“ Kirche vor (s. oben). Finden tatsächlich Gespräche statt, verändern sie nichts.

Darf man gegen einen Bischof das Wort erheben? Jesus hat kompromisslos seine Stimme erhoben gegen religiöse Obrigkeiten, wenn es darum ging, die Würde des Menschen zu wahren. Der Mensch kommt vor Gesetz und Hierarchie (vgl. z. B. Mk 2,27; Joh 2,13-22). Auch für kirchliche und theologische Grössen wie Augustinus oder Thomas von Aquin war klar, dass das Kirchenvolk seine Hirten mahnen und gegebenenfalls öffentlich kritisieren müsse, so Thomas, wenn Glaube bzw. Katholizität in Gefahr sei. Die Kirchen- und Theologiegeschichte zeigt, dass sich das Lehramt immer wieder geirrt und sogar gewalttätig verhalten hat (arianische Bischöfe; Zinsnehmen als Todsünde im Mittelalter etc.). Die Kirche des II. Vatikanischen Konzils hat sich daran erinnert, dass sie als Ganze Volk Gottes und semper reformanda ist.

Weitere Bilder vom 9. März: erstellt von Jörg Meyer HIER! (Link zur Dropbox)

 

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Eine Antwort zu „Diese Kirche, aber anders“

  1. reda schreibt:

    Hat dies auf FAMA rebloggt und kommentierte:

    endlich mal eine weitreichende knappe Zusammenstellung und nicht die Fixierung auf verschränkt geschiedene Kondom-Benutzer ….

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