Frauenrechte in den Religionen – eine Diskussion

  1. Ende März in der Schweizer Illustrierten. Ein Interview mit SEK-Präsident Gottfried Locher. Es geht um Ostern und Auferstehung, um Reformiert und Katholisch, um christliche Werte und Frauen und Islam. Viele grosse Themen in je ein paar wenigen Sätzen. Es gibt an mancher Stelle und aus verschiedener Sicht Grund zum leer Schlucken, Grund zum Widerspruch.
  2. Der Vorstand der IG Feministische Theologinnen reagiert auf die Aussagen zum Islam, „findet die Aussagen pauschal und teilweise gar respektlos“ und formuliert dazu eine Stellungnahme: IG bezieht Stellung zu «Islam-Aussagen» von Locher.
  3. Im FAMA-Team entspinnt sich eine Diskussion:
  • „Natürlich ist es eine pointierte Meinungsäusserung der IG und daher etwas für die FAMA. Allerdings zögere ich wegen der inhaltlichen Punkte: die Kritik am Islam ist durchaus gerechtfertigt (gleichermassen würde ich nämlich auch behaupten, dass viele christliche Kirchen ein Defizit in Sachen Gleichberechtigung und Gleichstellung haben; ebenso das orthodoxe Judentum, der Buddhismus etc.pp.). Ich kenne das Interview von Locher nicht, möchte aber nicht „den Islam“ bei diesem Punkt in den Schutz nehmen müssen, nur um Locher-Bashing zu betreiben.“
  • „Nicht-Religionen sondern Sport, Wirtschaft, Politik haben übrigens auch ein Defizit in Sachen Gleichberechtigung … !“
  • „Ich kann mir vorstellen, dass Locher undifferenziert vom Islam gesprochen hat, aber es wird ja oft sowohl von der negativen als auch der positiven Seite undifferenziert über den Islam gesprochen, und es ist irgendwie nicht hilfreich das zu unterstützen. Da bräuchte es dann wieder eine Einordnung, wie es in anderen Religionen aussieht etc.“
  • „Aber ist nicht gerade darum eine direkte Widerrede so dringend nötig? Eben weil das Thema in den Medien stets so undifferenziert daherkommt?“
  • „Das Interview fängt bezeichnenderweise an mit der Profilierungsfrage …“
  • „Wenn der Blog eine Plattform zur Diskussion aktueller Fragen rund um Religion, Theologie, Christentum etc. sein soll, bin ich dafür, die Diskussion auf den Blog zu tun. Einfach, weil es eine öffentliche und kritische Diskussion zu den angestossenen Themen braucht. Die Frage, wie gut, wie demokratisch, gleichberechtigt der Islam ist, ist eine überfällige Diskussion, die bisher nur in Ansätzen (im öffentlichen Raum, jenseits wissenschaftlicher Diskussionen) geführt wird. Meine Wahrnehmung ist, dass man schwankt zwischen „Bashing“ einerseits und dem politisch überkorrekten „Don’t touch Islam“ (wegen Toleranz, Integration) andererseits.“
  • „Ich finde, die Diskussion sollte nicht pro und contra Locher laufen, aber die angesprochenen Themen wie Gleichstellung in den verschiedenen Religionen und Konfessionen, christliche Werte etc. verdienen durchaus feministisch-theologische Beachtung.“
  • „Die Frage um die ‚Qualität‘ von Religionen (das ist jetzt schlecht ausgedrückt) sind das eine, aber die Frage um die Beziehung zu einer demokratisch verfassten Gesellschaft das andere. Meine Kritik in puncto Religionen kreist eher um diese Frage. Deshalb würde diese Debatte auch gut zu unserer nächsten FAMA passen, zum Thema Demokratie.“
  • … ???

Übrigens läuft in Osnabrück derzeit eine Ringvorlesung zum Thema!

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9 Antworten zu Frauenrechte in den Religionen – eine Diskussion

  1. Ich denke, es ist Zeit Frauenrechte in den Religionen nicht getrennt zu sehen vvon den bürgerlichen Menschenrechten und den sozialen Menschrechten. Weiter denke ich , dass getrennt werden sollte zwischen —-Religionen—- und Glauben.

    Religionen sehe ich —in unablässigem symbiotischen Anpassungskampf——– als Transfomationsriemen biologisch-gesellschaftlich-sozialer MACHTSTRUKTUREN.

    Religionen ihre „Ideologien“ Pediger und Strukturen sind Instrumente der MACHT, ebenso wie körperliche Gewalt oder ökonomische Macht(Eigentum/Verawaltungshierachien): nur sind diese „religösen“ Ideologien weit beständgiger(konservativer) und gefährlicher als körperliche und ökonomische Gewalt, da sie den Menschen-als von der Gemeinschaft abhängigem Lebewesen– in seiner psychischen Entwicklung prägen ( Fiexieren im Freudschen Sinne) und Verhaltenstrukturen in jungen Jahrten manifestieren (im Sinne der Verhaltenspsychologie) .
    Diese Systemstrukturen des Struktursystems Mensch und Gemeinschaft/Soziales ist nach durchgeführter Fixierung Teil des ICH des Selbst.
    Reflexionen und Verhaltensänderungen, sind sehr schwer möglich und führen deshalb zu Wiederholung des IMMER SELBEN nach Nietzsche.
    In gewisser Weise wissen wir nicht, was wir uns antun, da die Manifestierungen ins Unterbewußte dringen und bei Wiederholungen in vielen Generation auch zu einer Selektion derjenigen führen, die in diesem System angepasst leben.
    Genstrukturen mit diesem Hintergrund vervielfachen sich. Gesellschaftliche Selektion wird umgewandelt in biologische Grundstrukturen, die natürlich nicht weg sind aber in den Hintergrund treten, wie die Strukturen der Lebewesen aus denen wir uns entwickelt haben.

    Die Symbiose passt sich an.

    Mit unserem Verstand können wir dies erkennen, aber zu einer Änderung –einer Anpassung unserer Fixierungen an neue sozio-ökonomische Verhältnisse braucht es —wenn man die Geschichte der Menschen verfolgt- wohl mehr.
    Das ist unsere Tragik.

    • KaWi schreibt:

      Religion und Gesellschaft nicht als zwei paar Schuhe anzusehen – einverstanden! Aber die Ansicht, Religion per se als Ideologie für die Festigung von Machtstrukturen anzusehen, teile ich nicht. Religionen haben häufig eine aus Leid (durch irdischen Machtmissbrauch) befreiende Zielrichtung. Das geht in religiösen Institutionen und in der Berichterstattung darüber nur häufig in Vergessenheit.

  2. Auch ich habe Hrn. Locher geschrieben: http://contextus.ch/resources/documents/Brief%20an%20SEK-Pr%C3%A4sident%20G.%20Locher.pdf
    Es ging mir dabei nicht ume „Locher-Bashing“, sd. darum, eine undifferenzierten Aussagen nicht unwidersprochen so stehen zu lassen. Wenn frau das Interview mit ihm in der „SI“ liest, fällt auf, dass er über die angesprochene fehlende Gleichstellung in der röm.-kath. Kirche geflissentlich hinweg geht, um gleich beim Islam zu landen. Dabei entbehren seine Aussagen Kenntnissen vom Unterschied von Religion und Kultur. Und bei seiner eigenen Religion gibt er infantile Erklärungen zum Phänomen Auferstehung. QED.

  3. KaWi schreibt:

    Das gefällt mir! Wenn die FAMA Einblick in ihre interne Diskussion gibt. Das spiegelt die lebendige kritische Stimme wieder, die unisono vielstimmig klingt! Freu mich schon auf die nächste Nummer!!

  4. Doris Strahm schreibt:

    Die IG-Stellungnahme als Locher-Bashing abzutun, ist etwas gar billig und der FAMA nicht würdig – und dies notabene, ohne das betreffende Interview in der „Schweizer-Illustrierten überhaupt gelesen zu haben, wie eine von Euch zugibt! Gottfried Locher hat seine undifferenzierten Aussagen über den Islam als oberster Repräsentant der Reformierten in der Schweiz gemacht und als Mitglied des Rats der Religionen (sic!), und nicht einfach seine private Meinung geäussert. Was die IG kritisiert ist vor allem, dass er beim Islam die fehlende Gleichstellung kritisiert und gleichzeitig in seiner eigenen Kirche die „Feminisierung der Kirche“ beklagt. Um die Gleichstellung der Frauen scheint es ihm also nicht wirklich zu gehen in seiner Kritik am Islam. Ja, eine differenzierte und qualifizierte Diskussion zu „Frauenrechten und Religion“ wäre wichtig, und ich weise dazu gerne auf das entsprechende Manifest des Interreligiösen Think-Tanks sowie auf seine Studie zu „Leitungsfunktonen von Frauen im Judentum, Christentum und Islam“ hin (www.interrelthinktank.ch/Materialien).

  5. reda schreibt:

    Wir begrüssen es, wenn die Diskussion um Gleichberechtigung in den Religionen (und anderen Gesellschaftsbereichen!) weiter geht. Das war auch eine Sorge von Redaktionsfrauen, wenn Hr. Locher mit seinen Äusserungen einmal mehr im Zentrum steht und dabei die Punkte, die diskussionswürdig bleiben, deswegen untergehen könnten. Die Stellungnahme des Interreligiösen Think Tanks ist diesbezüglich nach wie vor aktuell und sollte mehr Beachtung finden.

  6. Klar sollten die strittigen Punkte hüben wie drüben im Zentrum der Diskussion stehen; doch ging es im Interview ja eigentlich um die Osterereignisse und deren Interpretation im Christentum und weder um den Islam, noch um Gleichstellung in den Religionen. Ich selbst wünsche mir angesichts der real existierenden Vorgänge auf unserer Welt eine Feminisierung von Kirche und Gesellschaft geradezu herbei; -im Sinne von anderen Beziehungen von Menschen hier und weltweit: Ohne Waffen, mit weniger Gewalt etc. und ein respektvollerer Umgang mit der Natur.

    • Simone Rudiger schreibt:

      Naja, die Themenvielfalt im Interview ist schon erstaunlich, bzw. versucht die Interviewerin irgendwie alle „heissen“ Themen anzusprechen unter anderem auch die offenbar durchgehende Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der reformierten Kirche im Vergleich zu anderen Konfessionen und Religionen. Das Herr Locher in seiner doppelten Rolle von „dem Islam“ so pauschalisierend und auch abwertend spricht, finde ich mehr als bedenklich. Solche Aussagen sind kontraproduktiv für interreligiöse und -kulturelle Gespräche auf Augenhöhe. „Dem Islam“ bleibt auf solche Aussagen zunächst nur Verteidigung. Ich hoffe sehr, dass sich die im interreligiösen Dialog engagierten Frauen und Männer von solch undifferenzierten und überheblichen Äusserungen nicht von ihrer zukunftsweisenden Arbeit abbringen lassen. Noch mehr hoffe ich, dass wir als Gesellschaft endlich lernen respektvoll miteinander umzugehen!

      • @Simone Rudiger: Es war notabene ein Mann der das Interview geführt hat: Philipp Mäder, seines Zeichens Nachrichtenchef der „Schweizer Illustrierten“. Ob der inhaltliche Rundumschlag von diesem so geplant war oder nicht doch auf das Konto von Hrn. Locher geht erschliesst sich m.E. daraus nicht.

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