Rezension: Putting Names With Faces

Christine Lienemann-Perrin, Atola Longkumer, Afrie Songco Joye (eds.), Putting Names with Faces. Woman’s Impact in Mission History, Nashville: Abingdon Press 2012, 389 S., US-$ 19,99.

 

Das 390-seitige Werk schliesst eine Lücke in der missionsgeschichtlichen Forschung. Wie Dietrich Werner im Vorwort ausführt, soll der Band eine „Korrektur der einseitigen Aufmerksamkeit der Missions-Historiografie auf männliche Missionare darstellen…“. Dies auch aufgrund der Tatsache eines schnellwachsenden Christentums in südlichen Ländern durch Pfingst- und charismatische Kirchen, die teils eigentliche Kirchen von Frauen sind.

Das vorliegende Werk ist ein interkulturelles theologisches Ressourcenbuch und eignet sich für erweiterte missiologische Studien sowie als Studienbuch für eine vielfältige theologische Ausbildung auf hohem Niveau. Die Neuheit des Buches besteht in der Darbietung mit praktischen Überlegungen, Fragestellungen, Empfehlungen und Schlussfolgerungen sowie erweiterten Literaturhinweisen.

Die drei Autorinnen/Herausgeberinnen aus drei Kontinenten Christine Lienemann-Perrin (Bern, Schweiz), Atola Longkumer (Jabalpur, Indien) und Afrie Songco Joye (Cavite, Philippinen und Kalifornien, USA) erklären die Entstehung des Titels: Es war Brauch, hinter dem Namen eines Missionars ein „m“ zu setzen, als Zeichen, dass er verheiratet ist. Seine Frau blieb als seine ergänzende Mitarbeiterin unerwähnt. Frauen wurden als Missions-Subjekte und Akteurinnen unsichtbar gemacht, nicht zuletzt durch die Historiografie christlicher Mission, welche die Präsenz und den unermesslichen Beitrag von Frauen zur Erweiterung und Konsolidierung der Weltchristenheit weitgehend ausblendete. Existierende Quellen und Untersuchungen werden einbezogen; Asymmetrien und egalitäre Beziehungen in der Mission von Frauen in Vergangenheit und Gegenwart werden aus reiner Frauenperspektive dargestellt. Das Werk ist eine Zusammenarbeit gelehrter Frauen aus dem globalen Norden und Süden mit einer globalen Perspektive, die ergänzt wird durch das Wissen über den Kontext von Frauen in unterschiedlichen Teilen der Welt. Kontextuell bedeutet hier: Eine Auswahl repräsentativer Erfahrungen von Frauen in unterschiedlichen Zeitperioden und Teilen der Welt werden zusammen gebracht.

Lienemann-Perrin geht in I.1. den neutestamentlichen Quellen für eine Oikos-Missiologie in der Gegenwart nach. Solange Gemeinden sich in Häusern (oikoi) trafen, konnten Frauen auch leitende Aufgaben übernehmen. Das Geschlechterverhältnis konnte im Spannungsfeld von Gal. 3,28 und Gen. 1,27 als Zeichen der „neuen Schöpfung“ verstanden werden. Doch schon das Neue Testament zeugt davon, wie anfängliche Versuche einer egalitären Teilhabe zerbrochen wurden durch die sich etablierende Kirche, in der eine partizipatorische Mission im Geiste von Galater 3,28 abgelehnt wurde. Durch die Umwandlung der Hauskirchen zu Gemeindeversammlungen in öffentlichen Gebäuden verlor der „Oikos“ seine öffentliche Funktion. Diese ursächliche Trennung zwischen Hauswesen und öffentlicher Sphäre (oikos/polis) führte zu einer gender-spezifischen Verteilung der Missionsarbeit: Frauen erhielten den Auftrag, den Glauben an ihre Angehörigen, Diener und andere Frauen weiter zu geben. In der öffentlichen Sphäre war die Missionsarbeit nur Männern zugänglich. Diese Aufteilung der Gesellschaft nach antikem Muster nahm Form an für die spätere Zeit kirchlichen Lebens. Doch die „subversive“ Tradition, die seit der alten Kirche nie ganz in Vergessenheit geraten ist, erlaubt es heute, die Rolle von Frauen in der Mission mit neuen Augen zu sehen und gleichzeitig zu fragen, ob und wie sie sich verändert hat. Wie sind erste Pionierinnen mit dem europäischen Rollenmuster umgegangen?

In Teil I.2. behandeln mehrere Autorinnen die Abwesenheit und Anwesenheit von Frauen in Geschichte und Aufzeichnungen christlicher Mission mittels eines historischen Überblicks. An Beispielen wie der Kolonialisierung Lateinamerikas mit Eroberung und Genozid an Indigenen, Unterdrückung und Gewalt, wird die dreifache Unterdrückung von Frauen aufgrund von Geschlecht, Rasse und ökonomischem Status aufgezeigt, auf die katholische Ordensfrauen wie auch einheimische Frauen mit einem beharrlichen Durchhaltewillen geantwortet und auf ein menschenwürdiges Leben hingewirkt haben. In Ozeanien wurde Bekehrung und Zivilisierung als derselbe Prozess angesehen. Die Domestizierung indigener Frauen nach englischem Mittelstands-Modell war Teil der frühen CMS-Missionsstrategie. Frauen auf dem Missionsfeld wirkten jedoch gleichzeitig als Aufdeckerinnen imperialer Macht durch ihren Unterricht für einheimische Frauen und vermittelten so die Ahnung von Freiheit und Gleichstellung. Es kam zu Grenzüberschreitungen von Raum, Kultur, Gender, Klasse, Hautfarbe und religiösen Gemeinschaften.

Die Fallstudien in Teil II kommen aus Westafrika, Kenia, Äthiopien, Iran, Indien, China, Südkorea, Japan, Philippinen, Neuseeland, Mexiko, Guatemala und Europa. Der Zeitraum reicht von der seit der Antike bestehenden Präsenz von Frauen in der Mission (Äthiopien) über die Frauenrolle an der Wende des 16. Jahrhunderts (Japan) bis ins 21. Jahrhundert. Die Mehrheit der Studien befasst sich jedoch mit der Missionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Westliche Missionsgesellschaften wiesen den Frauen Ende des 19. Jahrhunderts spezielle Rollen zu innerhalb des Missionsfelds. In Westafrika (Sklavenküste) stellte sich die Frage von Vereinbarkeit des Christentums mit indigener Weltsicht und kulturellen Praktiken. Ekué zeigt auf, wie exportierte Rollenmodelle von Zölibat, moralischer Anständigkeit und Dienstbereitschaft als Massstäbe kollidierten mit vorhandenen indigenen Rollenvorstellungen und einem flexibleren Gender-System, wo Frauen im privaten und öffentlichen Bereich Funktionen übernahmen und Konflikte mit der Loyalität gegenüber Familie und Stamm aufkamen. In Westafrika wurden laut Ekué neue Rollen konstruiert (Gemeindemütter), die wieder eingeschränkt wurden, bevor sie klerikal wurden. Doch in indigenen Pfingst-, Neopentecostal-, charismatischen und Heilungs-Kirchen konnten Frauen auch kirchenleitende Rollen übernehmen. Die Fallstudien gehen alle in letzte Details, dadurch entsteht ein äusserst differenziertes Bild von Mission im Kontext, das in der Lage ist, Stereotypen über Mission und Frauenrollen aufzuheben und gleichzeitig neue Sichtweisen auf den interkulturellen Austausch von Frauen, von westlicher Missionsarbeit und indigener bzw. multikultureller und multireligiöser Weltsicht zu eröffnen.

Im Teil III werden die Konsequenzen aus den 14 Fallstudien für die theologische Reflexion über Mission gezogen. Ein Leitinteresse der Beiträge ist das Einbringen von zentralen Spannungen und Debatten zum Gender-Aspekt in der Mission. Gendergerechte Mission und deren Historiographie wird als ein brennendes Anliegen von Frauen erkennbar. Obwohl Frauenerfahrungen sein Ausgangspunkt sind, bleibt das Anliegen kein Frauenthema, aus dem sich Männer heraushalten könnten. Vielmehr situiert es sich im weiten Horizont der „neuen Schöpfung“, die in der Gemeinde „nicht männlich und weiblich“ kennt (Gal. 3,28).

Esther R. Suter

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