In Beziehung sein

Bericht zur ‚Diotima-Tagung‘
[Fortsetzung folgt … Nachfolge-Veranstaltung siehe am Ende des Beitrags]

Die Tagung „Eine andere Politik – im Gespräch mit den Diotima-Denkerinnen“ am 31. Januar und 1. Februar im Romero-Haus in Luzern behandelte aktuelle Fragestellungen des feministischen „Ansatzes der Differenz“. Im Zentrum dieses Ansatzes steht der Gedanke, dass die Differenz von Frauen eine eigene, eine eigenständige Politik erfordert, die sich nicht abhängig macht von den Zugeständnissen einer männlich geprägten Politik, deren Wertorientierungen, deren Ritualen und Institutionen – und den damit verbundenen Zuschreibungen an Frauen, deren Zumutung einer „sekundären“ Bedeutung in der Politik.

Diese äussern sich, so die These, in einer patriarchalen Bestimmung von „Weiblichkeit“ und den institutionellen Räumen, die oft genug zur Gleichberechtigungs-Spielwiese verkommen. Sie zeigen sich in „gläsernen Decken“, die zum berühmten „Gruppenbild mit Dame“ führen – bis heute aber keine gleichwertige Repräsentanz von Frauen herstellen, trotz Gender Mainstreaming, Quotenverfahren und „Frauenförderung“. Wie sieht sie also heute aus, „eine andere Politik“?

Chiara Zamboni, eine der Mitbegründerinnen der Diotima-Gruppe um Luisa Muraro, eröffnete am Sonntagvormittag vor einem gut besuchten Plenum von ca. 70 Frauen aller Altersgruppen, wobei die Frauen „40+“ die Mehrzahl ausmachten. Zamboni, Professorin für Sprachphilosophie an der Universität Verona, überschrieb ihren Vortrag mit dem Titel „Denken in Präsenz. Improvisationen – In der gemeinsamen Sprache Verborgenes finden“. Sie skizzierte zunächst Anfänge und Ziele der Diotima-Bewegung, die 1983 in Italien mit dem Buch „Das Denken der Differenz“ von Luisa Muraro begann, aus dem eine Gemeinschaft, eine „nomadenhafte Bewegung“ entstand. Diese versteht unter Politik ein Denken, das sich damit befasst, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die einem guten Zusammenleben im Weg stehen. Ein Ziel, das sehr praktisch ist, eine konkrete Formulierung dessen, was häufig mit dem Begriff des „Gemeinwohls“ übersetzt wird. Um eine unabhängige Politik betreiben zu können, die diesem Ziel dient, ist die Bildung und Stärkung von Beziehungen unter Frauen notwendig. Zamboni bezieht sich historisch auf Frauenzusammenschlüsse wie Beginengemeinschaften, Frauensalons oder Frauenklöster.

Diese Beziehungen entstehen, so Zamboni, durch einen achtsamen Umgang mit Sprache, mit Reflexion und einem Praktizieren des gemeinsamen Dialogs in der Gegenwart. Das gemeinsame Sprach-Denken mit einem Bezug zur Welt bezeichnet sie als Kern der „diotischen Praxis“. Im Rahmen dieses Geschehens bilde sich Autorität von Frauen, indem Frauen sich bewusst auf die Vorsprecherin beziehen und (häufig männlich geprägte „Denkschulen“) ausser Acht lassen – so findet Denken ohne Geländer statt, und eine neue Welt entsteht (im Kopf).

Mit Workshops am Nachmittag wird die Tagung fortgesetzt. Verschiedene Anfragen an den Ansatz werden bearbeitet und heftig diskutiert, etwa dessen Entstehung in einem italienischen Kulturkontext und entsprechende Begrifflichkeiten, Verständnisse und auch gesellschaftliche Zusammenhänge. Daran schliessen sich Fragen einer kulturellen Übertragbarkeit des Ansatzes in andere Sprach- und Kulturräume an, der für eine weitere Verbreitung unabdingbar erscheint.

Ein weiterer Workshop thematisiert die Bedeutung des Ansatzes. Der Diotima-Ansatz wendet sich vehement gegen den Ansatz der Gleichstellungspolitik, der politische Gleichheit einfordert und damit unter anderem die Integration und Repräsentanz von Frauen in – historisch männlich geprägten – Institutionen, am Arbeitsplatz und in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit verfolgt.

Fazit: Das Romero-Haus hat den zentralen feministischen Ansatz der Differenz lebendig und engagiert zur Diskussion gestellt. Die Teilnahme von Chiara Zamboni war ein Gewinn, die zahlreiche Teilnehmerinnenschaft war konzentriert und kritisch bei der Sache. In Bezug auf die Entwicklung einer geschlechtergerechten Gesellschaft ist nach meinem Dafürhalten die Gestaltung und Stärkung von Frauenbeziehungen sowie das unabhängige Denken, ohne sich (ausschliesslich) auf „Denkschulen“ und „Tradition“ zu beziehen, einer der stärksten Teile des Ansatzes. Und es ist den Diotima-Frauen in ihrer Kritik an einer bestimmten Variante des „Gleichstellungsansatzes“ Recht zu geben, der das Mittel einer gleichberechtigten Repräsentanz von Frauen zum Zweck erklärt und damit das feministische Ziel einer umfassenden gesellschaftlichen Veränderung von Rollenmustern und entsprechende Zuschreibungen aus den Augen verliert.

So stellt sich meines Erachtens weiterhin die Frage nach der Umsetzung des Ansatzes: Besteht sie aufgrund gleichstellungspolitischer Vorgehensweisen und Zielen darin, sich ausserhalb von Strukturen in philosophischen Frauengruppen zu organisieren, um das „Denken ohne Geländer“ einzuüben? Oder ist es nicht denkbar, den „Marsch durch die Institutionen“ mit einem neuen „Drinnen“ und „Draussen“ zu verbinden? Denn die Ablehnung des gleichstellungspolitischen Ansatzes irritiert, zumal die Geschichte der ersten und zweiten Frauenbewegung vehement auf der Einforderung politischer Gleichheit und der Integration von Frauen in Institutionen beruht. Dies lässt sich so ziemlich auf alle gesellschaftlichen Felder beziehen – Bildung, Politik, Familie, Wirtschaft. Auch die Diotima-Frauen stehen auf den Schultern der Frauen, die sich für eine Gleichstellung von Frauen, z.B. in den männerdominierten Universitäten, stark mach(t)en. Oder, etwas überspitzt zu Ende gedacht: Heisst Diotima letztendlich, dass wir auch auf das Frauenwahlrecht gut und gerne verzichten könnten?

Oder liegt die Umsetzung des Ansatzes nicht vielmehr in der Frage der Verschränkung – der Stärkung der Autorität von Frauen in- und ausserhalb von Institutionen? Wie können Frauen in- und ausserhalb von Institutionen, die sich in unterschiedlichen Abhängigkeiten, Rollen und Selbstverständnissen befinden, wieder zu neuen Bündnissen zusammenfinden und die je andere Situation und Position als eine Stärke erfahren? Wie wäre es, sich in öffentlichen Tagungen gezielt und ausschliesslich auf die weibliche Vorrednerin zu beziehen? In Gremien? Am Arbeitsplatz? Der gegenseitige Bezug im öffentlichen Sprechen – was Männer eloquent und „blind“ beherrschen – besitzt ungeheures Potenzial. Würden wir diesen Gedanken aufnehmen, könnte sich eine eigenständige weibliche Autorität ja auch in Institutionen entwickeln. So könnte einem blutleeren quantitativen Zähl-Feminismus eine neue und dringend notwendige qualitative Kraft an die Seite gestellt werden. Denn auch dieses gehört zu den Erfahrungen des Gleichstellungs-Feminismus: Ohne dass die Machtfrage auch in und für männlich geprägte Institutionen gestellt wird, ist keine Inbesitznahme von Räumen zu erwarten, die weiblicher Autorität so dringend bedürfen.

Jeannette Behringer

Seminar für Frauen. Eine andere Politik
Montag, 19. Oktober 2015: Disfieri
Montag, 26. Oktober 2015: Politik und Glück –ein Glücksfaden
Montag, 2. November 2015: Die sexuelle Differenz gibt es
jeweils von 18.30 bis 20.30 Uhr
mit Lisa Schmuckli
Flyer mit allen Angaben

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Eine Antwort zu In Beziehung sein

  1. Super diese Zusammenfassung der Tagung wie auch das Fazit, welches die Autorin daraus zieht. Ich stimme ihr zu: Das eine vermehrt tun (sich in Institutionen und Organisationen auf Frauen und ihr Denken beziehen) und das andere nicht lassen (männlich dominierte und geprägte Bastionen erobern). Eine „Politik der Frauen“ à la Diotima bedingt jedoch ein feministisches Bewusstsein. Dieses ist leider bei vielen Frauen nicht anzutreffen.
    Ein gesellschaftliches Feld ging vergessen; nebst Bildung, Politik, Familie, Wirtschaft; die Religion/en und ihre Institutionen wie im christlichen Kontext die Kirchen.
    Auf das Seminar im Herbst bin ich gespannt; -ich werde dabei sein!

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