Menschenbilder der Bibel. Rezension

Luzia Sutter Rehmann

Thomas Staubli und Silvia Schroer, Menschenbilder der Bibel. Patmos Verlag 2014

Silvia Schroer / Thomas Staubli - Menschenbilder der Bibel

Ein Meer von Bildern
Dass in einem 689 Seiten starken Werk nicht das biblische Menschenbild reflektiert wird, liegt auf der Hand. Eine historisch verantwortete Exegese, gespiesen von Ikonografie und Sozialgeschichte weiss um zeitbedingte, geografische, kulturelle Unterschiede und freut sich an Details und Widersprüchen. Daher kommt eine Vielzahl von Menschenbildern, je nach Epoche, Ort, Tradition u.a.m. verschieden akzentuiert, in diesem Werk zum Vorschein. Die Konstellationen von Menschsein, die Staubli und Schroer in 90 Paragraphen geordnet haben, lassen die Idee vom Menschen und seiner biblischen Bestimmung verflattern. Es scheint nur Aktivitäten, Phänomene, Worte und Bilder zu geben, die sich kaleidoskopartig immer wieder anders vor unseren Augen gruppieren. „Von den Brüsten“ – „vom Hunger“ – „vom Dichten und Schreiben“ – „von Atem und Geist“ – „von Staunen und Neugier“ – so weit das Auge reicht, breitet sich die Farbenpracht der Bilder aus, ein Meer von Menschenbildern. So lädt das Buch ein, die Frage nach „dem Menschen“ und „seiner Bestimmung“ in „der Bibel“ aufzugeben und bietet Hand, Neues zu denken.

Am Paragraph 17 (Von der Menschheit) möchte ich dies zeigen: Der Abschnitt beginnt mit der Beobachtung: „Ein abstraktes Wort für ‚Menschheit’ gibt es in der althebräischen Sprache nicht.“ (115) Wie haben die Menschen im alten Israel dann darüber nachgedacht, dass es hüben wir drüben Menschen gibt, die sich ähneln, unterscheiden, die reden, singen, kämpfen, lieben? Israel verortete sich mittels realer oder fiktiver Stammbäume, deren Stammvater Noach ist. Nach seinen drei Söhnen (Sem, Ham, Japhet) liess sich der Welthorizont einteilen, die Gesamtheit der Völker und bekannten Sprachen ordnen. Diese Einteilungsart macht deutlich, dass die Menschen als miteinander verwandt verstanden werden, sie gehören letztlich zu einer Familie und ein gemeinsames Schicksal verbindet sie. Schroer und Staubli zeigen auch die „Kontrastprogramme“ der Ägypter, mesopotamischer Herrscher, Perser und Griechen, was die Eigenart Israels „inmitten der Völker“ deutlich hervortreten lässt. “Die für Ägypten, aber auch Hellas so wichtige Unterscheidung zwischen Einheimischen und Ausländern bzw. Barbaren ist für die biblische Geschlechterfolge irrelevant.“ (116) Dies lässt aufhorchen – doch versäumen die Autoren es nicht, auch hier Problematisches aufzuzeigen: Auch Kanaan ist ein Enkel Noach’s, doch ein verfluchter, verurteilt als Knecht zu dienen. Hier widerspiegelt sich die Rivalität Israels zu Kanaan, der Kampf um dieselben Weiden und Quellen. Die Verwandtschaft bedeutet in diesem Fall nicht Brüderlichkeit auf Augenhöhe und garantiert keineswegs das Lebensrecht, Fairness oder Verständnis für einander. Familie ist ein weites Feld, das zwar einen egalitären Grundgedanken beinhaltet, aber auch Trennung und Fluch kennt. Die Taten, das gelebte Leben konturieren immer wieder diese Verwandtschaft, die Geschichte reißt Abgründe auf oder bietet Anlass zum Segen und zur Versöhnung. „Die Menschheit: das sind Familien, Sippen, Stämme, Völker, Nationen; das sind lebendige Organismen, die miteinander kommunizieren und nur im gegenseitigen Respekt Anrecht auf Wohlergehen haben.“ (117)

Auf nur vier Seiten liefert dieser Paragraph Denkanstösse, biblisches und ikonografisches Material, theologisch reflektiert. Allerdings erleiden die neutestamentlichen Schriften eine gewisse Vernachlässigung. Gerade bezüglich „Menschheit“ wäre es ja auch wichtig zu erfahren, was sich die herodianischen, bzw. römischen Herren gedacht haben und wie die Evangelien und Paulus ihre Vorstellungen vom Menschen (Lk 3,23-38), dem Menschensohn, dem Messias (Mt 1,1-18) und der versklavten Menschen (Röm 1,18f) dagegensetzten.

Ich möchte den einführenden Teil (S. 11-37) ausdrücklich der Lektüre empfehlen. Er sollte nicht überschlagen werden. Denn hier erschließt sich die Gestalt des Buches.

Die Bedeutung der Langzeitperspektive der rund 500 000 Jahre beginnt den Lesenden zu dämmern, die geschichtliche Dimension jeglichen Denkens, jeglichen „zeitlosen Wesens“ beginnt klar zu werden. Die histoire de longue durée lässt etwas zu Tage treten, das viel mehr ist als die Ansammlung von Einzelheiten, Aspekten, Texten und Bildern: Menschen überliefern Weisheit, Fragen, Widersprüche. Sie bilden Traditionsketten und staunen darüber, dass diese so weit zurückreichen und doch nie an ein Ende kommen. Hier können wir uns heute anschließen, uns als Glied vieler Ketten wahrnehmend und im Bewusstsein, dass der Mensch heute selber zur Katastrophe zu werden droht. Der biblische Tun-Ergehen-Zusammenhang weist sich auch für den Menschen im Anthropozän als erschreckend wahr. „Um das aber überhaupt zu sehen, müsste man sich von einer Theologie lösen, die die Sünden- und Gnadenaura des Menschen nur auf dessen Innerlichkeit bezieht.“ (S. 27) Gerade dazu liefert das Buch Argumente und öffnet die Augen für Verwobenheiten und Bezogenheiten, für Grauzonen, die unter den Händen von Schroer und Staubli bunt und bebildert werden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Forum, zum Heft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s