Amoris Laetitia * Stellungnahme der IG feministische Theologinnen

Bildschirmfoto 2016-04-15 um 09.25.23„Während der Papst an vielen Stellen des Schreibens einen Spagat zwischen starrer Doktrin und barmherziger Praxis versucht, bezieht er bei einem anderen Thema klar und deutlich Stellung: der Gender-Frage. Scharf kritisiert er in einem eigenen Paragrafen (56) Gender als eine ‚Ideologie‘, die angeblich ‚den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesen- heit von Mann und Frau leugnet. Sie stellt eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt die anthropologische Grundlage der Familie aus.‘ …

Damit hat er es bedauerlicherweise verpasst, sich mit einer der wissenschaftlichen Redlichkeit verpflichteten Haltung mit Gender-Theorien auseinanderzusetzen. …

Seit der grossen UNO-Weltfrauenkonferenz von Beijing (1995) gibt es eine regelrechte Kampagne des Vatikans gegen „Gender“ bzw. gegen das, was der Vatikan diesem Begriff unterstellt: dass er nämlich die völlige Abschaffung der Unterschiede zwischen Mann und Frau propagiere, sodass der Mensch letztlich selbst bestimmen könne, welches Geschlecht er annehmen will. Die Umdeutung des Begriffs „Gender“ zu „Gender-Ideologie“ oder „Genderismus“ dient kirchlichen Kreisen dazu, gegen alles vorzugehen, das in ihren Augen die Fundamente der traditionellen patriarchalen Gesellschaftsordnung in Frage stellt wie etwa die sexuellen und reproduktiven Rechte der Frauen, der Wandel der sozialen Geschlechterrollen und der kulturellen und religiösen Geschlechterkonzepte, Patchwork-Familien und Homo-Ehen. Mit aller Vehemenz wird versucht, das traditionelle Modell der Familie und der „natürlichen“ (hierarchischen) Komplementarität der Geschlechter als gottgewollte Ordnung und „natürliches“ Fundament der Gesellschaft zu verteidigen. Nicht zuletzt mit dem Ziel, patriarchale Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft aufrechtzuerhalten.“

Die ganze Stellungnahme: IG_Stellungnahme_ zu Amoris Laetitia

Anti-Genderismus

Zur Anti-Genderismus Bewegung gibt es eine spannende Neuerscheinung:

Sabine Hark / Paula-Irene Villa (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld, transcript-Verlag, 2015, 260 Seiten, ISBN:978-3-8376-3144-9

Arnd Bünker hat das Buch auf feinschwarz.net rezensiert.

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6 Antworten zu Amoris Laetitia * Stellungnahme der IG feministische Theologinnen

  1. Immer wieder vormodern und feudalistisch kommt mir dieses röm.-kath. System vor; und deren klerikale Vertreter sind in ihrer Rückwärtsgewandtheit und Frauenverachtung wohl nur noch mit den schiitischen Mullahs im Iran vergleichbar!

  2. KaWi schreibt:

    Vielen Dank für die Hinweise! Nun bin ich auch eine Theologin in der IG, finde aber, dass in der Stellungnahme zu Amoris Laetitia etwas fehlt: Die Perspektive der Katholik_innEn. Klar, das Papier ist androzentrisch, die Ausführungen und Platzierung zu „Genderismus“ hängen mir auch zum Hals raus, ebenso die Verwurstung von Bibelstellen, angefangen bei Adam = Mann bis zum Gebet an die Heilige Familie aus Nazareth – es ist schlimm! Aber auch wirklich nichts Neues.
    ABER: Verglichen mit anderen Dokumenten, die je im Vatikan produziert wurden, ist hier wirklich Neuland betreten worden! (So neu, dass der aus Altersgründen zurücktretende Kardinal Lehmann fragte, ob die Kirche dem gewachsen sei…) Wer das Neue mit der Watsche auf die altbekannten Phrasen mit wegwischt, spielt meines Erachtens den Konservativen in die Hände.
    WENN in patriarchalen und paternalistischen Räumen die Tür mal einen Spalt aufgeht, möchte ich meinen Fuss da rein setzen und die Tür so weit wie möglich öffnen! So wie Günter Schabowski, der am 9. November 1989 seinen Teil dazu beitrug, dass die Mauer der DDR fiel. 😉 und ich wäre froh, wenn meine feministisch theologischen Kolleginnen diese Tür nicht von Aussen wieder zudrücken!!!

    • Und was wäre denn die „Perspektive der Katholik_innEn“?

      • KaWi schreibt:

        @Esther Gisler Fischer: Ja, das habe ich unglücklich formuliert. Perspektiven im Plural, wie z.B. : Eva Maria Faber (Fundamentalheologie und Dogmatik, Chur) auf http://www.feinscharz.net / Stephanie Klein (Pastoraltheologin, Luzern), Interview mit Martin Spieker auf kath.ch / Hubert Wolf (Kirchenhistoriker) in der süddeutschen Zeitung / Ute Eberl (Bischöfliches Ordinariat Erwachsenenbildung, Berlin) auf radiovatican … sie hat mich sehr inspiriert zum Wort zum Sonntag von gestern: Katja Wißmiller (kath. Theologin, u.a. Mitglied der IG Feministische Theologinnen) vgl: SRF1 Amoris Laetitia, ich lese Papst

      • Danke liebe Katja für deine interessanten Hinweise. Dein WzS zum Thema hat mir in seiner Differenziertheit gut gefallen! Vielleicht haben deine röm.-kath. Gspänli aus der IG einfach nicht so viel Geduld, um dem Erblühen der römischen Liebesbäume zuzusehen, bzw. haben Angst, dass daraus wieder einmal ein Äpfel entstehen könnten, die ungeniessbar sind; auch für Frauen. 😉
        Doch das müsstest du sie wohl selber fragen …

  3. Béatrice Bowald schreibt:

    Deine Reaktion auf die Stellungnahme der IG, liebe Katja, wirft für mich die Frage auf, welches denn die Aufgabe der IG ist. Ich meine nicht, dass sie die Aufgabe hätte, eine Beurteilung des päpstlichen Rundschreibens im Sinn einer wissenschaftlichen Analyse zu machen, wie das im Gegenzug aber Aufgabe der von dir genannten Uniprofessorinnen ist, die das auch gemacht haben. Vielmehr hat sie eine anwaltschaftliche Funktion, die darin besteht, den Finger auf die wunden Punkte zu legen.
    Sehe deine Position auch in strategischer Hinsicht nicht gleich: Konservative können sich allein schon durch die Behandlung von Gender in Amoris Laetitia bestätigt fühlen, egal, ob Frauen nun mit einer Stimme, also einheitlich sprechen, oder nicht. (Da wäre es besser gewesen, der Papst hätte dazu gar nicht Stellung genommen.) Der Gewinn der Diskussionen innerhalb des Feminismus und der damit verbundene Anspruch, darauf sensibel zu sein, besteht ja gerade darin, dass es keine Einheitlichkeit unter Frauen gibt. Das sollten wir nicht aufgeben.
    Die Stellungnahme der IG anerkennt den „Spagat zwischen starrer Doktrin und barmherziger Praxis“, kritisiert aber die Kluft zwischen Lehre und Haltung. Ich meine zu Recht, denn längerfristig lassen sich Probleme nicht nur durch barmherziges Entgegenkommen (ich spitze hier zu) lösen, ohne die Lehre selbst zu überdenken. Diese geht nach wie vor davon aus, was letztlich Frauen und Männer ausmacht, an deren „Natur“ festzumachen. Aus dieser Position heraus werden gewisse Formen oder Anliegen des Feminismus als positiv gewürdigt, Gender aber in Bausch und Bogen verurteilt. Problematisch und daher zu Recht Gegenstand der Kritik in der Stellungnahme der IG finde ich, dass da einmal mehr das röm.-kath. Lehramt sich herausnimmt, da eine Beurteilung vorzunehmen, dies erst noch, ohne sich wissenschaftlich redlich damit zu befassen. Frauen (und Männer) sollen sich da die Definitionsmacht nicht aus den Händen nehmen lassen – erst recht nicht, als da auf dem politischen Parkett heisse Debatten um Gender laufen, die sich insbesondere gegen eine effektive Gleichstellung der Geschlechter und gegen die Anerkennung homosexueller Beziehungen richten.

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