Haut im Märchen

Zusatz zum Artikel „Die alte Haut ablegen. Ein Märchenmotiv“ in FAMA 2/2016

Moni Egger

Tierbräute
Natürlich erzählen die Märchen auch von Tierbräuten. Diese Märchen sind allerdings ganz anders aufgebaut als jene mit den Tierbräutigammen. Anders als jene verwandeln sich die Tierbräute in aller Regel schon vor der Hochzeit (wieder) in Menschen. Sie legen auch nicht ihre Haut ab, sondern werden komplett verwandelt und nicht selten ein Stück ihrer Umwelt mit ihnen.

So wird z.B. in „Die drei Federn“  nicht nur die Kröte zu einer schönen jungen Frau, die Rübe, in der sie sass, verwandelt sich in eine prächtige Kutsche und die Mäuse davor werden zu Pferden.

In den Tierbraut-Märchen gibt es oft eine längere Phase der Annäherung. Die Braut scheint von Anfang an genau zu wissen, wie sie erlöst werden kann. Geschickt bringt sie den Jüngling dazu, das dafür Nötige zu tun. Vielleicht kann die Tierbraut darum ihre wahre Haut schon vor der Hochzeit zeigen und legt sie nicht wie der Tierbräutigam im Schutz der Nacht erst ab?
Im litauischen Märchen „Prinzessin Wurm“ dient der Dummling drei Jahre lang einem gewaltigen Wurm. Täglich heizt er den Ofen ein und wäscht den Wurm. Am Ende des dritten Jahres muss er den Ofen einfeuern, bis er glüht. Dann bittet der Wurm, „wasch mich ganz sauber und wirf mich in den Ofen. Du lauf aber so schnell du kannst aus dem Zimmer, dreh dich nicht um und schaue nicht hin.“ Der Jüngling zögert, tut dann aber wie geheissen und erlöst so den Wurm. Die Wurmhöle wird dabei zu einem prächtigen Schloss, der Wurm zu einer wunderschönen Frau.
Auch im norwegischen Märchen „Der Bursche, der um die Tochter der Mutter im Winkel freien wollte“ kennt die Ratte ganz genau den Weg zu ihrer Erlösung und den richtigen Zeitpunkt dafür. Der Jüngling in diesem Märchen muss dabei nichts anderes tun, als sich schweigend auf die Tiefen der verwunschenen Königstochter einzulassen.

Alle erwähnten Märchen haben gemeinsam, dass bei ihnen der Entwicklungsprozess des Burschen im Vordergrund steht. Zwar erlebt am Schluss die Tierbraut die Erlösung mit eigener Haut – aber der Bräutigam erlebt im Lauf des Märchens ebenfalls eine Verwandlung.

Etwas anders zeigt sich das Haut-Motiv im Grimmschen Märchen „Prinzessin Mäusehaut“. Hier wünscht sich die Königstochter, nachdem ihr Vater sie verstossen hat, vom treuen Diener „ein Kleid von Mausehaut, und als er ihr das geholt, wickelte sie sich hinein und ging fort.“ So verkleidet verdingt sie sich als Diener beim Nachbarkönig. Hier entscheidet sie selbst, wann sie sich aus ihrer künstlichen Haut herauswagt und dem jungen König ihre Weiblichkeit und ihre Schönheit zeigt. In diesem sehr kurzen Märchen gibt es kein Waschen und kein Feuer, die Rückverwandlung geschieht nicht Nachts, sondern am helllichten Tag. Aber ebenfalls erst, nachdem auch der Bräutigam seine Lektion gelernt hat.
Spannend im Vergleich dazu ist Allerleirauh. Auch hier steht am Anfang die gestörte Beziehung zum Vater – wenn auch in ganz anderer, nämlich inzestuöser Art. Das Verstecken unter einem Tierhautmantel wird ergänzt mit dem Tragen kosmischer Kleider. Ein HappyEnd ist erst möglich, wenn die wahre Haut sich zeigt.

Prinzessin Mäusehaut, in voller Länge.
Die im FAMA-Artikel beschriebenen Szenen von Die Gänsehirtin am Brunnen und Hans mein Igel.

Moni Egger, Dr. theol, ist Märchenerzählerin und FAMA-Redaktorin.
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