Hautnah – in Bild und Wort

Bildschirmfoto 2016-04-29 um 21.29.33Béatrice Bowald

Menschen faszinieren die Künstlerin Heinke Torpus. Darum geht sie nah heran. Schafft selbst die unterschiedlichsten Arten von Körperbildern oder lädt die BesucherInnen einer Ausstellung ein, ihr eigenes Bild vom Körper mitzugestalten und zu benennen. Auch benennen, denn der Titel gehört bei ihr zum Bild.

 

Eine Tür zum Inneren

Die Haut verbindet das Innere und Äussere eines Menschen. Nah herangezoomt oder in Ruhe fokussiert offenbaren Körper ihre (Haut-)Geschichte. Lassen die Eigenheiten einer Person oder deren Erinnerungen sichtbar werden. Zum Beispiel in den vielen Porträts, die Heinke Torpus im Verlauf der Zeit gemacht hat. In der Serie mit den Karikaturen bringen sie das Typische einer Person besonders unbarmherzig zum Vorschein.

Ob Gesichter porträtiert sind oder andere Teile des Körpers, sie und die sie umhüllende Haut tragen das Innere dieser Person nach aussen. Das ist es auch, was für Heinke Torpus wesentlich ist: an den Kern der Menschen zu gelangen.

Sich aussetzen

Menschen, die sich mit ihrem Gesicht oder einem anderen Ausschnitt ihres Körpers darstellen lassen, setzen sich aus. Der Fotolinse und der Interpretation der Künstlerin, aber auch in Bezug auf sich selbst, während sie sich ins Bild nehmen lassen und im Anschluss daran selbst betrachten. Am Ende auch den Blicken der Besucherinnen und Besuchern einer Ausstellung, erst recht, wenn diese an einem Ort stattfindet, wo man sich noch kennt. Genau solche Begegnungen sucht Heinke Torpus mit ihren Arbeiten, die sie weniger in Galerien als vielmehr in öffentlichen Räumen wie beispielsweise einem alten Bahnhofhäuschen, den Schaufenstern eines Dorfkerns, dem Schloss in einem Ortszentrum oder einer Kirche zugänglich macht. Zugänglich als fertiges Kunstwerk, das im Vorfeld im Kontakt mit der dargestellten Person entstanden ist oder das als so genannte Aktionskunst an eben diesem Ort unter direktem Einbezug der Besucherinnen oder Passanten entsteht.

Die Haut spricht

Spuren des bislang gelebten Lebens prägen sich in der Haut ein. Während junge Haut noch glatt scheint, wird älter werdende Haut faltig. Je nach Tätigkeit oder Erlebnissen graben sich regelrechte Furchen ein. Das berührt nicht nur jene, die junge und alternde Menschen betrachten, sondern stellt auch für die Künstlerin, die solche Haut, solche Gesichter festhalten will, vor eine je eigene Herausforderung. Je nach Hautbeschaffenheit wende sie beim Darstellen eine andere Technik an, erläutert Heinke Torpus.

An die Menschen herankommen. Sie so zeichnen, wie sie sind, sich geben, denken und fühlen. In den Augen der Betrachterin und des Betrachters eröffnet sich so der Blick in ein Leben, dem die Zukunft noch verheissungsfroh offen steht oder das bereits eine Menge an Erfahrungen widerspiegelt, manchmal aber auch in ein vom Leben gezeichnetes Leben. Das vermag beim Betrachten unter die Haut zu gehen. Je nach Situation eher bedrückt oder mit einem Gefühl von Leichtigkeit wird sich Respekt vor den porträtierten Menschen und deren Leben einstellen.

Dem Bild einen Namen geben

Bilder erschliessen sich nicht von selbst, können so oder so gedeutet werden. Wie das Leben der dargestellten Menschen mehrdeutig, nicht geradlinig ist. Daher ist es für Heinke Torpus ganz wichtig, jedem Bild einen Titel zu geben. Der Name des Bildes zeigt dann die Deutung der Künstlerin oder im Fall von Aktionskunst der porträtierten Person an. Biblisch erinnert das daran, dass Namensgebung mit „sich zu eigen machen“, „Verantwortung übernehmen“ und „sorgen für“ verbunden ist. „… ich habe deinen Namen gerufen, zu mir gehörst du“, spricht Gott in Jesaja 43,1 (Bibel in gerechter Sprache) zu Israel gewandt.

In der Kombination von Bild und Wort entsteht für Heinke Torpus das Wesentliche. Daher führt die Verbindung von verschiedenen Worten mit einem bestimmten Bild zu neuen Bildaussagen. Das stellt keineswegs eine abstrakte Spielerei dar, denn diese sind Ausdruck neuer – manchmal ganz überraschender – Sinnerschliessung.

Dem Bild einen passenden Namen zu geben, davon liess sich Heinke Torpus bereits bei der Gestaltung der Bilder in der FAMA 2/2010 zum Thema „Name“ leiten. Während ihr damals die Bilder vorgelegt wurden, hat sie diese für die FAMA 2/2016 „Haut“ aus dem eigenen Fundus ausgesucht oder neu kreiert.

Haut mit Zeichen

Gelebtes und (noch) ungelebtes Leben schreiben sich in die Haut ein. Vielleicht erscheint sie gerade deswegen so fragil und sinnlich zugleich. Setzt Heinke Torpus nun ein eigenes Wort in eine Hautpartie, einen Körperteil hinein, erzeugt sie damit eine Spannung. Das Stück Haut, das selbst Zeichen für vielfältige Wirklichkeiten und deren Deutungen ist, erhält ein Zeichen. Die Künstlerin gibt einen Namen und schafft damit einen neuen Bezug zwischen der Haut, dem darin lebenden Menschen und dem Kontext, in den sie diese oder diesen mit der Bezeichnung setzt.

Für die FAMA liess sich Heinke Torpus vom Bezug zur Bibel, dem Wort (Gottes), leiten. Es galt, Worte zu finden, die beides – Bibel und Haut, Körper – verbinden. Und da das Erste Testament in seiner Ursprungssprache hebräisch ist, sollte das Wort, der Name dementsprechend in hebräischer Schrift geschrieben sein. Ganz auf den Ort hin (hier die FAMA), wo das Bild zu stehen kommt. Denn auch die Auseinandersetzung mit dem Ort ist Heinke Torpus in ihrem künstlerischen Schaffen ein grosses Anliegen.

Für sie selbst war die Auseinandersetzung mit dieser Schrift, der Bedeutungsvielfalt dieser Zeichen, eine neue Erfahrung, die im Dialog mit Moni Egger – Alttestamentlerin und FAMA-Redaktorin – entstanden ist. Die Zeichen tragen denn auch Moni Eggers Handschrift. Da sich die hebräische Schrift nur einem kleinen Teil der Leserinnen und Leser der FAMA erschliesst, gehört für die Künstlerin die deutsche Übersetzung zur gesamten Bildkomposition.

Hautbild in der FAMA

Die neuen Sinn vermittelnde Verbindung von Bild und Wort zeigt sich am stärksten beim Bild „Mein Wort“. Die Lippen einer dunkelhäutigen Frau, die in den herkömmlichen Sehgewohnheiten als sinnlich wahrgenommen, oft auch mit sexueller VerfBildschirmfoto 2016-04-29 um 21.38.23ügbarkeit assoziiert werden, strahlen eine würdevolle Ruhe aus. „Mein Wort“ gilt. Punkt, kein Ausrufezeichen. Auf „Mein Wort“ ist Verlass. Ruhig, bestimmt die Aussage, die zu vertrauen einlädt – wie Gottes Wort. Und die zugleich die Persönlichkeit erahnen lässt, die mit solcher Klarheit und Stärke spricht.

Wenn Heinke Torpus unabhängig von der Aktionskunst Bilder macht, stellt sie Frauen dar. Das liegt ihr am nächsten. Daher bemängelt sie, dass männliche Künstler sich nicht mehr mit Ihresgleichen auseinandersetzen, sondern oft ebenfalls – und dann mit Vorliebe nackte – Frauenporträts schaffen. In der FAMA zum Thema Haut greift die Künstlerin auf Frauen- und Männerhaut zurück.

So auf die etwas knorrige Hand eines alten, sehr gläubigen Mannes mit ihren Falten und dem unübersehbaren Ring. Heinke Torpus erinnert sie an Mose, wie er mit Gottes Ermächtigung das Volk aus Ägypten herausgeführt, in der Wüste Wasser aus dem Felsen geschlagen und das goldene Kalb zerschlagen hat. Wie viel Macht, Kraft doch in einer unspektakulär da liegenden Männerhand zu sein vermag – zum Guten wie zum Verderben von Dritten und/oder sich selbst. Nur die dahinter liegende Geschichte, der weitere Kontext vermögen darüber weitere Auskunft zu geben.

Wie viel hinter vermeintlich unscheinbaren oder gängigen Zeichen verborgen sein kann, zeigt auch das Bild „Mein Zeichen“. Ein Tattoo mit einem grösseren und kleineren Stern, wie es in ähnlicher Form immer mal wieder zu sehen ist. Nicht so in diesem Fall. Denn die Trägerin hält es meist bedeckt und lässt es nur sichtbar werden, wenn sie sich entblösst oder einen Bikini trägt. In ihre Haut hat sie einritzen lassen, was in ihrem Leben bleibend ist: die Beziehung zu ihren beiden Kindern, dem bereits erwachsenen Sohn und der noch schulpflichtigen Tochter. Der grosse und der kleine Stern vermitteln so, wofür sich zu leben lohnt, und sind auch Trost über den Verlust von anderen Beziehungen hinweg. Für die Betrachterin und den Betrachter wiederum eröffnet sich so ein ganzes Universum von neuen Bedeutungen, dies schon ausgelöst durch das Zeichen selbst, das mit der Namensgebung durch die Künstlerin ein weiteres Zeichen erhalten hat.

Haut und Geste

Knochen und Muskel würde Heinke Torpus anders darstellen. In der Haut kommt ihr ganz stark die Geste, die Bewegung entgegen. Schwungvoll in der Partie Schulter-Schlüsselbein, die an eine Dünenlandschaft, an Weite, aber im Gestus auch ans Fliegen erinnert. Für einmal keine Last auf den Schultern, sondern leichtes, kraftvolles Abheben. Eher ruhig im Ausdruck ist der Rücken mit einem Ausschnitt der Wirbelsäule. Wie Perlen an einer Kette aneinander gereiht liegen die Wirbel miteinander verbunden da. Dabei nicht nur einen Rückgrat schaffend, sondern im Bild zugleich Hell und Dunkel verbindend. In der Geste des Gebens und Empfangens die offenen Frauenhände einer Frau, die Lebenserfahrung hat. „Meine Gabe“ – wem und was hat sie nicht schon von sich gegeben, aus dem, was sie selbst als Fähigkeit erhalten und weiterentwickelt hat. Vitalität und damit Stärke im positiven Sinn strahlt für Heinke Torpus auch das „Six-Pac“ des jungen Mannes aus, der diesen Teil seiner selbst darstellen lassen wollte.

In kirchlich sozialisierten Kreisen erinnern die zu einem Netz verbundenen Hände der jungen Menschen an Gruppenbildungsübungen, ans Lied „mini Farb und dini…“, das bei solchen Gelegenheiten damals so oft gesungen wurde. Das ist längst Vergangenheit. Geblieben und auf neue Weise aktuell ist aber die Bedeutung des sich Vernetzens. Netzwerke zu bilden, daraufhin aktiv zu sein, ist ein Merkmal unserer Zeit, insbesondere der Jungen, – und passt in den Augen von Heinke Torpus auch zur FAMA.

Zu den Bildern

Ich danke Heinke Torpus ganz herzlich für das Gespräch über ihr künstlerisches Schaffen und ihre Bilder für die FAMA! Mehr über sie ist zu erfahren über: www.heinketorpus.ch.

Béatrice Bowald, Dr. theol., FAMA-Redaktorin, Co-Leiterin des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft BS/BL.

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