Postkoloniale Schweiz

Zusatz zum Artikel von Eske Wollrad in der FAMA 2/2016:
Selbstverständlichkeiten. Zur Normalität von Weisssein.

Dr. Eske Wollrad

Die Schweiz hat nie Kolonien besessen. Bedeutet dies, dass sie nichts mit Kolonialismus zu tun hat und hatte? Schon lange existiert eine wissenschaftliche Kritik an dem Bild der Schweiz als neutralem Boden und unschuldiger Zuschauerin kolonialer Herrschaft.

Jüngere wirtschaftshistorische Studien beschäftigen sich mit der Beteiligung von Schweizer Akteuren am transatlantischen Sklav_innen- und Kolonialhandel und arbeiten heraus, dass Schweizer Firmen vom kolonialen Imperialismus profitierten und auch nach der Dekolonisierung erfolgreich ihre Stellung als „unverdächtige“ Partner gegenüber den ehemaligen Kolonien hielten.

In der Forschung wird diskutiert, ob das Schweizer Engagement bei internationalen kapitalistischen Unternehmungen den „Charakter eines verdeckten Kolonialismus“ hat und ob angesichts der Beteiligung von Schweizer Firmen am transatlantischen Sklavenhandel von der Schweiz als „Teilzeit-Kolonialmacht“ die Rede sein muss. Können Schweizer Akteurinnen und Unternehmer als Handlanger, Gehilfinnen und Kollaborateure, Profiteurinnen und Trittbrettfahrer des Kolonialismus bezeichnet werden?

Die Herausgeberinnen des Bandes “Postkoloniale Schweiz”, erschienen 2012, Patricia Purtschert, Barbara Lüthi und Francesca Falk wählen den Begriff der Postkolonialität, weil er deutlich macht, „dass es Verbindungen zum Kolonialismus gibt, ohne bereits eine Vorentscheidung darüber zu fällen, ob es um Komplizenschaft oder andere Formen der Partizipation geht. Der Begriff der Komplizenschaft ist situativ hilfreich, um die Involviertheit von Akteurinnen und Akteuren zu beschreiben. Weil er allerdingsCover ein intentionales Handeln suggeriert, eignet er sich nur bedingt, die strukturellen Dimensionen einer postkolonialen Schweiz zu erfassen. Denn es ist gerade ein Kennzeichen des strukturellen Rassismus, dass er von den Menschen, die ihn reproduzieren, oftmals nicht als solcher erkannt, sondern beispielsweise als Bestandteil der ‚Schweizer Alltagskultur‘ erachtet wird.“ (S.31)

Diese Forschungsrichtung setzt voraus, dass koloniale Wissensproduktion international zirkuliert, also auch Länder erreicht, die nicht zu den formalen Kolonialmächten zählen. Die Schweizer Bevölkerung wurde mit kolonialen Stereotypen vertraut gemacht, unter anderem über Völkerschauen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts beliebt waren und als Volksbelustigung galten. Allein in Zürich fanden zwischen 1835 und 1960 (!) über 60 Völkerschauen statt.

Auch die Missionsanstalten beteiligten sich an der kolonialen Wissensproduktion, indem sie in Missionsausstellungen die „authentischen Anderen“ zum Gegenstand der Betrachtung machten. Die Basler Mission zeigte ihre Ausstellung an über 40 Orten in der Schweiz, und die dort gezeigten religiösen Artefakte der Kolonisierten wurden als „Trophäen des Sieges Christi“ (Purtschert et al., S. 386) gedeutet.

Koloniale Praxen fanden auch Eingang in den Umgang der Schweiz mit unliebsamen Personen. So lässt sich die Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitete Praxis, Fahrende in Heimen zu internieren, die von der Heilsarmee geführt wurden, nach Indien zurückverfolgen. Dort nämlich war die Heilsarmee mit der Führung von Lagern beauftragt, in denen weisse „Landstreicher“ interniert wurden. Die britische Kolonialverwaltung wollte so verhindern, dass diese ein schlechtes Licht auf die „ruling race“ warfen. Über eine westliche Freikirche gelangte so eine kolonialistische Praxis aus Indien in die Schweiz, die keine Kolonialmacht war.

Rassistisches Alltagswissen wird bis heute auch in Kinderbüchern kolportiert: Musste der Kinderbuchheld Globi in älteren Geschichten noch vor menschenfressenden Afrikanerinnen flüchten, so deckt er heute einen illegalen Ring von Hornhändlern in Ostafrika auf und rettet Schildkröten vor dem unzivilisierten, alles fressenden Chinesen.

Im Vorwort der Anthologie „Postkoloniale Schweiz“ fragt die Ethnologin Shalini Randeria: „Können diese Muster in einem Land ohne Kolonialbesitz einfacher fortbestehen, da sie paradoxerweise weniger von der Entkolonialisierungspolitik nach 1945 tangiert wurden?“ (S.7). Hier setzt die postkoloniale Kritik an und rückt die Geschichte und die Gegenwart der Schweiz in ein neues Licht.

Literatur
Kuhn, Konrad, Béatrice Ziegler: Die Schweiz und die Sklaverei. Zum Spannungsfeld zwischen Geschichtspolitik und Wissenschaft. In: traverse. Zeitschrift für Geschichte / Revue d’histoire, 16 (2009), Nr.1, S.116-130
Purtschert, Patricia, Barbara Lüthi, Francesca Falk (Hg.): Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien. Transcript, Bielefeld 2012
Thomas, David, Bouda Etemad, Janick M. Schaufelbuehl: Schwarze Geschäfte. Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert, Limmat Verlag, Zürich 2005
Zangger, Andreas: Koloniale Schweiz. Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930), Transcript, Bielefeld 2011

 

 

 

 

 

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