Was die Haut offenbart

Erlebnisse und theologische Einsichten

Christina Sasaki Wallimann

erweiterter Beitrag aus: FAMA 2/2016: Haut

Über die Haut – und wie sie auf der darunterliegenden Knochenstruktur eines Menschen aufliegt – bestimmen wir einander. So kategorisieren wir automatisch nach Geschlecht und Rasse (race). Wenn es uns nicht gelingt, auf Anhieb das Geschlecht oder die Rasse von jemandem zu bestimmen, macht uns dies neugierig, meist aber unwohl.

Sasaki

 

 

 


Foto: Fotostudio Fischlin, 6370 Oberdorf

Erste Erfahrungen in der Schweiz

Als ich vor mehr als zehn Jahren in die Schweiz kam, wurde mir schnell klar, dass mich die Leute nicht einordnen können. Mein Ehepartner Thomas hingegen glaubte nicht, dass Rasse für SchweizerInnen eine Rolle spiele. Ich schlug ihm deshalb vor, meine Herkunft bei der nächsten Begegnung nicht gleich zu klären. Als uns die Nachbarin eines Tages über den Gartenhag hinweg grüsste, wartete Thomas wie abgemacht zu, meine Nationalität zu klären. Erst als sie hörte, dass ich aus den USA komme, lockerte sich ihr Gesichtsausdruck gut sichtbar – deutlich ausdrückend: „Oh, du bist also normal.“

Wir reagieren auf die Haut wie auf ein Bild, das unser Auge aufnimmt und automatisch im Gehirn auf der Grundlage der erhältlichen Informationen – unseren Erfahrungen und Annahmen – verarbeitet. Daher war meine Nachbarin beruhigt, als sie um meine Herkunft wusste.

Wie Haut wirkt

In den ersten drei Primarschuljahren war ich in der ganzen Schule die einzige Person mit euroasiatischen Wurzeln. Weil mich alle fragten, ob ich Native American sei, begann ich mich für die Geschichte der amerikanischen UreinwohnerInnen zu interessieren. Während meines Theologiestudiums in Kalifornien passte ich zu den 1’295’243 amerikanischen EinwohnerInnen mit asiatischen Vorfahren. In Alaska war ich eine Alaska Native (Ureinwohnerin), in Mexico eine Mexikanerin, in Jordanien eine Araberin und in Israel eine potentielle Terroristin. Aufgrund meines Aussehens hatten die verschiedenen Menschen je nach Vorannahme unterschiedliche Vorstellungen darüber, wer ich bin. In keinem der Fälle war ich die, die ich bin oder wie ich mich selber bestimme.

Automatisch zu kategorisieren ist etwas Natürliches, sogar eine Form von Überlebensinstinkt. Wir alle machen es, können gar nicht anders. Nicht die instinktive Reaktion ist problematisch, sondern was danach geschieht: wie sich diese Reaktion auf unser Verhalten auswirkt.

Analphabetische Ausländerin oder?

Ich wollte eine Weihnachtslichterkette zurückgeben. Auf der Schachtel stand „10m“ – doch die Kette war lediglich 5 Meter lang. „Nein, das können Sie nicht zurückgeben. Sie können wohl nicht lesen“, schimpfte die Frau beim Kundendienst. Als Thomas die Kette am folgenden Tag zurückbrachte, wurde sie anstandslos zurückgenommen. Demnach war ich eine analphabetische Ausländerin.

Als ich als Schülerin vor dem Schulweg meine Haare zöpfelte, wusste ich, dass mir jemand diese Frage stellen würde. Am Mittag wartete ich in der Reihe auf das Essen. Da kam ein weiss häutiges Kind auf mich zu und fragte: „Bist du Indianerin?“ Ich antwortete: „Ja“. „Cool“, antwortete der Bub. Demnach war ich eine Native American.

An einem frühen Morgen im Oktober 1986 überquerte unsere Studiengruppe die Grenze von Jordanien nach Israel. Zwei aus unserer Gruppe wurden beiseite geführt und einer speziellen Kontrolle unterzogen: Laura mit libanesisch-europäischer Herkunft und ich. Später erfuhr ich von einem Anschlag japanischer Terroristen auf den Flughafen von Tel Aviv im Mai 1972, der vielen Menschen das Leben kostete. Demnach war ich eine potentielle japanische Terroristin.

Enthüllte Machtverhältnisse

Was ist hier los? Die Assoziationen mit meiner Haut, ihrer Farbe und Form sind automatisch mit Annahmen und Urteilen verbunden, dies immer in einem Kontext von Machtverhältnissen. So wurde ich im Laden und in Israel negativ beurteilt und konnte mein Schicksal nicht beeinflussen bzw. war in Israel den Grenzbeamten ausgeliefert. Hier habe ich keinen Machtanspruch. In der Primarschule hingegen erfuhr ich Wertschätzung und Respekt und dadurch einen speziellen Machtzuspruch. Wenn wir auf der Basis dieser Urteile und Machtverhältnisse handeln, ist dies Ausdruck von „Hautpolitik“! Sie herrscht vor allem dort, wo der Zugang zu sozialen, politischen oder kulturellen Räumen und Privilegien Macht definiert.

Wenn ich jemandem ähnle, die nicht zur bevorzugten Gruppe gehört, dann bleibt mir der Zugang zu Privilegien verwehrt oder ich werde gar als Mensch ent-wertet. 1994 geriet ich auf einer Autofahrt versehentlich in ein Ku-Klux-Klan (rassistisch motivierte, gewalttätige Vereinigung in den USA) Treffen. Hätte uns der Wagen mit den drei bewaffneten Insassen erwischt, hätte mein Leben zu Ende sein können. Indem diese Leute mich über meine Haut definierten, hatten jene, die uns verfolgten, die Macht, mein Leben wertlos zu machen. Wenn ich aber vom Aussehen her zur bevorzugten Rasse gehöre, gewinne ich an Macht. Das öffnet Räume, die andern, „outsidern“, nicht zugänglich sind. Alaska Natives luden mich, weil ich ihnen glich, oft in ihre privaten kulturellen Räume ein – Räume, in die sie selten Menschen mit weisser Hautfarbe einluden. Als Teil einer erwünschten Gruppe durchzugehen oder Angehörige dieser Gruppe zu sein, ist eine Form von Machtzuspruch durch Akzeptanz. Meine Schweizer Nachbarin empfand mich gewiss als erwünschter als mein Primarschulkollege.

Von der Oberfläche zum Inneren

Hautpolitik bestimmt die Grenzen unseres Körpers, unserer Leben und Beziehungen, bis hin zu unseren Gesellschaftsstrukturen. Man kann zwar sagen, dass Haut keine Grenzen schaffen soll. Doch wir können unsere Haut nicht loswerden – also müssen wir daran arbeiten, uns unsere Annahmen und Urteile sowie die Machtverhältnisse bewusst zu machen, damit wir andere Entscheide treffen, wie wir mit andern umgehen. Dazu reicht guter Wille nicht, sondern dies erfordert harte Arbeit an sich selbst.

Als euroasiatische Theologin betrachte ich Haut aus zwei Perspektiven – einer spirituellen und politischen. Auf der einen Seite glaube ich, dass wir alle gleich sind, geschaffen nach Gottes Abbild – und doch zeigt die Hautpolitik, dass wir alle ganz verschieden voneinander sind. Wie bringen wir diese widersprüchlichen Perspektiven zusammen? Ein Gedicht des japanischen spirituellen Lehrers Matsu Bashō und eines, das mir der alte japanisch stämmige Amerikaner Roy Sano erzählte, zeigen einen Weg.

„Teich – Frosch springt, Klang des Wassers.“

„Ich zeige mit meinem Finger – du findest den Mond.“

Heimat unter der Haut

Beide – Frosch wie Finger – sind wie die Haut. Sie weisen auf eine tieferliegende Wahrheit, sind sie aber nicht schon selber. So lässt sich aus allen meinen Geschichten die Wirkung von Hautpolitik heraushören. Was man aber nicht hören kann ist, wie mich meine Erfahrungen zu einer tieferen Wahrheit über Heimat führten. Meine Erkundungen zu Heimat begannen mit Europäisch-Japanisch-Amerikanischer Geschichte und den Geschichten meiner Hewitt-, Ball-, Sasaki-, Kishi-Familien. Erstaunlicherweise lernte ich mich dadurch zwar als spezifisches, aber letztlich doch zur „Menschenfamilie“ gehörendes Wesen kennen. Ironischerweise begegnete ich meiner Mensch-heit, weil die Leute, mit denen ich in Kontakt kam, mich über meine Haut einordneten – nicht über mein Mensch-sein. Haut ist die physische Grenze, wo das Ich aufhört und das Du beginnt. Diese Grenze kann zu einer Grenze werden, die uns von einander isoliert, oder aber eine Schwelle darstellen, über die wir uns gegenseitig in die andere Heimat einladen und besuchen können.

SchweizerIn sein

Als ich am 1. August 2003 in der Schweiz ankam, grüsste mich ein brennendes Kreuz am Pilatus. Ich wunderte mich, was es bedeutet, Schweizer/in zu sein, und begann, danach zu fragen. Überraschenderweise bekam ich zur Antwort: „Ich bin nicht SchweizerIn, ich bin Obwaldner, Zürcherin, Walliser…“ Also gibt es in der Schweiz keine SchweizerInnen? Wie sollte ich mich denn wie verlangt „integrieren“ (können)?

Doch die Schweiz zur Heimat zu machen verlangt für mich mehr als Integration, Lernen der Sprache und kulturelle Erwartungen zu erfüllen. Es verlangt eine gegenseitige Anstrengung, in der du und ich uns gegenseitig engagieren, Grenzen als Schwellen zu überschreiten. Es heisst unter die Haut zu gehen. Zuerst müssen wir in die Welt unter unserer eigenen Haut blicken, die Geschichten kennenlernen, die von unserer einmaligen Identität und Heimat erzählen – und wir müssen fähig werden, diese Geschichten einander zu erzählen. Durch dieses gegenseitige Erzählen kann sich Verantwortlichkeit gegenüber der je andern Heimat entwickeln. Auf diese Weise bauen wir Brücken zu jenen, die anders sind als wir, und die – wie beim Erzählen der biblischen Geschichten – jüdische und christliche Identität weitergeben.

Identität, Heimat, Religion

Auf dem Hintergrund dieser Traditionen kann der Austausch unserer Identitäts-/Heimatgeschichten als theologischer Akt verstanden werden. Unter unserer Haut und hinter den Urteilen, Machtverhältnissen und allem Trennenden liegen Geschichten, die, wenn wir sie einander erzählen, uns alle als Menschen, als Abbilder Gottes verbinden.

SasakiAuf dem Schulhausplatz reihten wir uns auf, zupften die Trachten zurecht und waren bereit für die Prozession in die Kirche. Die Herbstluft war warm und zugleich frisch, die Morgensonne schien vertraut und dennoch überraschend schön. Alle waren glücklich, fühlten sich zu Hause, bei sich selber. Die versammelte Gemeinschaft fühlt sich an wie ein Baum – ein Baum der seine Wurzeln tief in die Erde hineingräbt, während er die Äste weit in den Tag hinausstreckt. Und was erfährt die Älplergesellschaft von mir? Vermag sie wahrzunehmen, was unter meiner Haut liegt?

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Wallimann-Sasaki.
Literatur:
„Race, History Theology: Layers of an American Identity” (1997): In ihrer Masterarbeit beschäftigte sich Ch. Sasaki mit multirassischer Identität als Grundlage für theologische Sinnbildung.
Christina Sasaki Wallimann kommt aus den USA. Sie ist Theologin mit einem Master in Seelsorge und in kontextueller Theologie. Sie arbeitet als unabhängige Beraterin für katholische Pfarreien und in Entwicklungsprojekten für Gemeinden und nationale Identität.
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