Sex für Papiere

Die Erlebnisse der Grace Okonkwo*

Aufgezeichnet durch die FAMA-Redaktion

Um es gleich zu Beginn klarzustellen, ich sehe mich nicht als Prostituierte. Ich habe mehrere Freundinnen, die sind echte Prostituierte. Sie haben einen Mann, eine Familie, eine B-Bewilligung. Trotzdem hören sie nicht auf, von einem Mann zum anderen zu rennen. Sie wollen das, es ist sozusagen ihr Beruf. Aber viele westafrikanische Frauen hier in der Schweiz prostituieren sich, weil ihre Situation sie dazu zwingt. Sie haben zum Beispiel zuhause bereits ein Kind und keinen Vater, der sich darum kümmert. Wenn sie mit Sex das nötige Geld verdienen können, um das Schulgeld für ihr Kind nach Afrika zu schicken, tun sie das. Meiner Meinung nach sind das keine Prostituierten. Ich selber habe nirgendwo ein Kind. Aber ich kann von meinen Erfahrungen in den Asylzentren erzählen. Ich habe kein Problem damit, ich mache es gern, denn es ist gut, wenn die Leute davon erfahren, viele haben überhaupt keine Ahnung.

Männer kreisen rum

Mein Name ist Grace Okonkwo*, ich komme aus Nigeria und bin 32 Jahre alt. In die Schweiz gekommen bin ich vor zehn Jahren. Als erstes kam ich ins Durchgangszentrum in B. Da gab es viele Männer, die in ihren Autos rund ums Zentrum ihre Runden drehten. Pah, waren wir da noch naiv: Wir dachten, alle Männer mit heller Haut seien Schweizer, und wir könnten durch sie zu Papieren kommen. Erst mit der Zeit haben wir begriffen, dass die meisten Kosovaren und Albaner sind, also Asylanten wie wir, von denen nicht viel zu erhoffen ist – sogar die Autos waren nur gemietet! Wenn es Schweizer darunter gab, waren sie fast immer verheiratet. Zum Glück gab es im Zentrum eine Sozialarbeiterin, die uns wirklich geholfen hat. Sie hat alle neu angekommenen Frauen zusammengerufen und uns alles erklärt. «Passt auf, mit wem ihr Sex habt», hat sie uns gesagt. «Ihr müsst unbedingt den Namen des Mannes herausfinden. Versucht irgendwie, seinen Ausweis zu sehen. Wenn ihr schwanger werdet, dann kommt zu mir. Wenn ihr mir den Namen des Mannes sagen könnt, werde ich ihn finden, und dann gehen wir zusammen zu den Behörden. Diese Männer wollen euch nur ausnutzen! Sie würden sich nie getrauen, mit einer Schweizer Frau so umzugehen, wie sie mit euch umgehen. Darum ist es nichts als recht, wenn auch ihr von ihnen profitiert.»

Schwangerschaft erwünscht

Unter uns Frauen wird erzählt, dass du gerettet bist, wenn du schwanger bist, dann erhältst du die B-Aufenthaltsbewilligung. Wenn der Mann zugibt, dass das Kind von ihm ist, geht es sofort: Ihr geht zusammen aufs Amt, er anerkennt die Vaterschaft und schwupps, schon kommt der eingeschriebene Brief mit der Empfehlung für die B-Bewilligung. Wenn die Sache komplizierter ist, geht es vielleicht ein Jahr. Aber die Bewilligung wird kommen, das ist sicher.** Ich habe viele Frauen gesehen, bei denen es funktioniert hat. Ich selber hatte leider nie Glück. Im Asylzentrum in K., wo ich nachher hinkam, waren die Zustände so schlimm, dass ich einfach alles versucht habe, um irgendwie dort wegzukommen, und ich war nicht die einzige. Ich habe mit so vielen Männern geschlafen… Denn schwanger werden ist der sicherste Weg, dass du das Asylzentrum verlassen kannst und eine Wohnung zugeteilt bekommst, dass du ein Papier erhältst und endlich ein freieres Leben hast, ohne ständig von den Behörden belästigt zu werden.

Zimmer buchen

Es gab allerdings ein Problem: Im Asylzentrum durften wir nur tagsüber Männer aufs Zimmer nehmen. Ausserdem fühlten sich viele Männer da sowieso nicht wohl, weil sie sich schämten. Zu sich nach hause nehmen wollten sie mich aber meist auch nicht. Viele waren verheiratet, andere schämten sich vor den Nachbarn im Treppenhaus. Eine togolesische Kollegin, die hier verheiratet ist und ein Haus hat, hat mir dann geholfen: «Du kannst tagsüber mein Haus benützen, ich gebe dir einen Schlüssel. Leg mir einfach jeweils ein bisschen Geld hin zum Dank.» Das war nett, aber sie hat auch nicht schlecht verdient an mir. Auch ein kenianischer Kollege hat uns sein Zimmer am Bellevue in Zürich überlassen für 50 Franken pro Stunde, was doch ziemlich viel ist, wenn du nur 350 Franken im Monat bekommst. Am schlimmsten war es mit Max*, der hat mich so was von ausgenutzt! Er war Schweizer, jung und unverheiratet, und ich habe mir viele Hoffnungen gemacht. So viele Male habe ich für ein Zimmer bezahlt, für ihn gekocht – und die ganze Zeit Sex Sex Sex. Nie hat er etwas für mich gekauft, nie hat er mich seiner Familie vorgestellt. Wenn er weg war, habe ich das Kondom aufgeschnitten und mir den Samen reingetan, aber bei mir hat der Trick nicht funktioniert. Ich bin nicht schwanger geworden, und irgendwann wollte er nichts mehr von mir wissen.

Bald klappt‘s

Jetzt ist mein Leben Gott sei Dank ruhiger geworden. Ich habe eine F-Bewilligung erhalten. Und vor fünf Jahren konnte ich das Asylzentrum verlassen, weil mir eine Schweizer Familie ein Zimmer zur Verfügung gestellt hat. Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich mit Beat* zusammen, einem Schweizer. Er hat mich im McDonald‘s angesprochen. Er ist geschieden und schon 65 Jahre alt. Aber bei uns in Afrika ist das Alter nicht so wichtig. Er ist nett mit mir und grosszügig. Am Anfang hat er immer aufgepasst beim Sex, weil er nicht wollte, dass ich schwanger werde. Einmal ist seine Tochter zu mir gekommen und hat gesagt: «Es ist schon ok, dass du mit meinem Vater zusammen bist. Wir sehen, dass es ihm gut geht, und dass du seine Wohnung in Ordnung hältst. Aber mach bitte kein Kind mit ihm.» Das hat mich sehr traurig gemacht. Sie kümmert sich fast nie um ihren Vater, es geht ihr nur ums Geld. Aber was geht sie das überhaupt an? Sie hat ihren Mann, ihr Kind, ihr Haus – warum mag sie mir dieses Glück nicht gönnen?

Hier und heute

Seit ein paar Monaten habe ich aufgehört, neben Beat noch mit anderen Männern zu schlafen. In Afrika sagt man: «Nur die Dummen ändern sich nie.» Ich habe Gott immer gesagt: Wenn du mir einen Mann gibst, bei dem ich bleiben kann, höre ich auf, hierhin und dorthin zu gehen. Ich bin mir auch sicher, dass es bald klappt mit schwanger werden. Denn Beat hat aufgehört immer aufzupassen, er schafft es nicht mehr. Das sind meine Erfahrungen als Asylantin, die ich erzählen kann. Wie gesagt, ich sehe das nicht als Prostitution. Aber Ihr könnt selber entscheiden, wie Ihr es nennen wollt.

Grace Okonkwo* hat uns ihre Geschichte mündlich erzählt. Wir danken ihr für ihre Offenheit und wünschen ihr, dass sich ihre Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft erfüllt.

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.
**Anmerkung der Redaktion: Nicht jede asylsuchende Frau, die während ihres Verfahrens von einem Schweizer Mann schwanger wird, erhält eine Aufenthaltsbewilligung. Dies hängt unter anderem davon ab, ob der zukünftige Vater eine Beziehung zu seinem Kind pflegen möchte.
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Artikel, zum Heft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s