alt – Globalisierte Alterspflege

Globalisierte Alterspflege

Care-Migration in zwei Richtungen

Sarah Schilliger (FAMA 4_2016)

«Osteuropäerinnen lindern den Pflegenotstand» hiess es vor ein paar Jahren im Radio. Längst ist es keine versteckte Notlösung mehr, sondern eine bekannte Strategie von Haushalten mit pflegebedürftigen Menschen in der Schweiz: die Rekrutierung von osteuropäischen Migrantinnen in die sogenannte 24h-Betreuung. Aussergewöhnlich und bisher kaum erforscht ist die umgekehrte Richtung der Care-Mobilität: die Auslagerung der Pflege und Betreuung in osteuropäische Pflegeheime. Auch wenn es sich um zwei sehr unterschiedliche Formen von transnationalen Care-Arrangements handelt: Sie stehen beide für einen zunehmend globalisierten und privatwirtschaftlich organisierten Markt für Pflege-Dienstleistungen und stellen individualisierte Antworten auf akuter werdende Care-Krisen in Privathaushalten dar.

Migrieren, um zu pflegen

«Wir helfen Ihnen, das Leben angenehmer zu gestalten und bis ins hohe Alter in den eigenen vier Wänden zu meistern. Wir stellen Ihnen schnell und unkompliziert eine Haushaltshilfe oder Betreuungsperson ganz nach Ihren individuellen Bedürfnissen zur Seite, die rund um die Uhr für Sie da ist.» So wirbt eine Schweizer Agentur im Internet für ihre Dienste: Die Vermittlung von Pflegerinnen zur 24h-Betreuung. Mit ein paar Mausklicks kann heute ein transnationales Care-Arrangement organisiert werden. In der Schweiz boomt der private Markt für ambulante Pflege-, Betreuungs- und Haushaltsdienste. Seit ein paar Jahren etabliert sich ein Rotationssystem mit Pendelmigrantinnen, die sich im ein- bis dreimonatlichen Rhythmus abwechseln, um in Privathaushalten von pflegebedürftigen älteren Menschen Rund-um-die-Uhr-Betreuung zu leisten. Damit wird das private Zuhause – ein Ort, in dem traditionell unbezahlte, meist weibliche Care-Arbeit dominiert – zu einem Arbeitsplatz, an dem Lohnarbeit geleistet wird. Die Arbeitskräfte auf diesem Markt sind weiterhin hauptsächlich Frauen, jedoch geht die Kommerzialisierung von Care-Arbeit mit einer Transnationalisierung des Arbeitsmarktes einher. In der 24h-Betreuung sind es Frauen aus Polen, Ungarn, der Slowakei und anderen osteuropäischen Staaten, die im Rahmen der Personenfreizügigkeit grenzüberschreitend ihre Arbeitskraft anbieten. Häufig kommen sie über profitorientierte und transnational agierende Vermittlungs- und Verleih-Agenturen in die Schweiz. Diese werben damit, «bezahlbare Pflege» anzubieten, bei der gleichzeitig eine «unbezahlbare Herzlichkeit» garantiert sei.

Migrieren, um gepflegt zu werden

Inzwischen wird pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen eine weitere Variante der Rundum-Betreuung auf dem globalisierten Pflegemarkt angeboten: Das «Outsourcing» der Pflege und Betreuung ins Ausland. Hier migriert nicht die Pflegerin, sondern die pflegebedürftige Person – in ein Niedriglohn-Land. Wohl am bekanntesten ist das Beispiel der Senioren-Residenz für Demenzkranke in Thailand, die von einem Schweizer betrieben wird. Doch ähnliche Angebote gibt es inzwischen auch in Osteuropa. Im Rahmen eines von mir betreuten Forschungsprojekts erforschten die Soziologie-Studentinnen Angela Nigg und Mariama Seck ethnographisch den Alltag in einem Pflegeheim im Böhmischen Wald (Tschechien). Der deutsche Betreiber des Pflegeheims betonte im Interview, dass er seiner «Klientel» – pflegebedürftigen Menschen aus Westeuropa – eine schöne, ruhige Umgebung in der Natur und eine familiäre Atmosphäre bieten könne, was sich positiv auf das Wohlbefinden der Bewohner_innen auswirke. Ein vergleichsweise tiefer Pflegeschlüssel – auf eine Pflegefachperson kommen lediglich ein bis zwei Pflegebedürftige – führt dazu, dass die Care-Arbeit in Ruhe ausgeführt werden kann und es selten zu Hektik kommt. Bewohner_innen, Angehörige und auch die Pflegerinnen betonten im Gespräch diesen zeitökonomischen Aspekt, der dem Zwischenmenschlichen mehr Raum lasse. Die Pflege und Betreuung müsse nicht wie in anderen Pflegeinstitutionen im Minutentakt geleistet und abgerechnet werden. Die Auslagerung der Pflege und Betreuung nach Tschechien wird jedoch nicht nur als Ausweg aus einem durchrationalisierten Pflegesystem gesehen, sondern ist auch ökonomisch begründet: Die Kosten für die Rundum-Betreuung sind deutlich tiefer als in Pflegeheimen in der Schweiz oder in Deutschland.

Care-Lücken – who cares?

Was bewegt Pflegebedürftige und deren Angehörige dazu, sich auf ein transnationales Care-Arrangement einzulassen? Was die Hintergründe und Motive anbelangt, lassen sich die Auslagerung der Pflege nach Osteuropa und die Rekrutierung von Pflegerinnen aus Osteuropa durchaus vergleichen. In beiden Fällen stehen verschiedene Care-Lücken und Versorgungsdefizite in Privathaushalten am Anfang, welche eng mit aktuellen Rationalisierungen im Pflegesystem, mit wohlfahrtsstaatlichen Restrukturierungen und Sparpolitiken sowie mit Umbrüchen in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse verwoben sind.

«Es war wirklich Zeit, dass ich etwas unternehme, weil ich sonst vor die Hunde gegangen wäre.» So äusserte sich eine Angehörige, deren an Parkinson erkrankter Mann inzwischen in dem tschechischen Pflegeheim umsorgt wird. Auch Angehörige, die sich für eine 24h-Betreuung entschieden haben, berichten von Stress und physischer wie psychischer Ermüdung, die sie dazu bewegt hätten, eine Entlastungsoption zu suchen. Noch immer wird Care-Arbeit für ältere, pflegebedürftige Menschen zu einem bedeutenden Teil durch Angehörige geleistet. Zwei Drittel sind Frauen, sie übernehmen fast drei Viertel aller unbezahlten Care-Arbeit für Pflegebedürftige in der Schweiz. Doch diese «Gratispflege» – insbesondere jene durch Töchter, die oft noch im Erwerbsleben stehen – ist immer weniger eine Selbstverständlichkeit, weil die Erwerbsquote von Frauen in den letzten zwanzig Jahren stark angestiegen ist. Bei pflegenden Angehörigen, die noch im Erwerbsleben stehen, kommt es zu Vereinbarkeitskonflikten und einem täglichen «Rennen gegen die Zeit». In einer Studie1 gaben zwei Drittel der befragten pflegenden Angehörigen an, sie hätten eine Auszeit nötig. Doch Entlastungsmöglichkeiten scheinen wenig vorhanden zu sein. Im Vergleich zu anderen Ländern wird in der Schweiz bisher politisch wenig unternommen, um die Situation von pflegenden Angehörigen zu verbessern.

Billige Pflege aus dem Osten

In die akuter werdenden Versorgungslücken in privaten Haushalten treten deshalb zunehmend kommerzielle Anbieter, die auf einem globalisierten Arbeitsmarkt tätig sind. Sie versprechen eine «bezahlbare Alternative» zur Pflege durch Angehörige wie auch zur Pflege in einem Schweizer Pflegeheim. «Gute Pflege muss nicht teuer sein. (…) All-Inclusive-Paket mit Nacht-Rufbereitschaft ab 1’935.- Fr. monatlich» – so wirbt beispielsweise die Firma McCare für ihre Dienste in der 24h-Betreuung. Im Fall des Pflegeheims in Tschechien kostet die Pflege und Betreuung monatlich 1’500 Euro. Möglich werden diese tiefen Kosten, indem das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West ausgenutzt wird und sich die Firmen für die Entlohnung ihrer Mitarbeitenden am tieferen Lohnniveau in Osteuropa orientieren. In einem Fall kommt es zu einer «Auslagerung vor Ort» (im Schweizer Haushalt) an Pendelmigrantinnen, womit sich ein eigentlicher Sonderarbeitsmarkt etabliert, der sich nicht an den für die Schweiz üblichen Löhnen orientiert. Im anderen Fall kommt es zu einer räumlichen Auslagerung in ein Niedriglohnland. Dass Haushalte nach «bezahlbaren» privaten Lösungen suchen, liegt wesentlich daran, dass die Pflege-Finanzierung in der Schweiz sehr stark durch die Haushalte selber geleistet werden muss. Während in den OECD-Ländern durchschnittlich rund 85 Prozent der Langzeitpflege öffentlich-solidarisch finanziert werden, ist der Anteil in der Schweiz tiefer als 40 Prozent. Die kassenpflichtigen Leistungen sind sehr stark auf medizinische Pflege ausgelegt – haushaltsbezogene Dienstleistungen und Betreuungsdienste müssen aus der eigenen Tasche bezahlt werden, oder pflegende Angehörige leisten sie eben in Gratisarbeit.

Weg vom rationalisierten Pflegesystem

Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen entscheiden sich jedoch nicht nur aufgrund ökonomischer Anreize für ein transnationales Care-Arrangement. Sie suchen auch nach einem Ausweg aus dem ökonomisierten Pflegesystem der Schweiz. Denn die Pflegeinstitutionen sind zunehmend einem Spardiktat unterworfen und müssen ihre Care-Dienstleistungen rationalisieren. Die zunehmende Zerstückelung und Vertaktung von Pflegeleistungen (bekannt z.B. als «Minütelen» bei der Spitex) führen zu Stress, dysfunktionalen Arbeitsabläufen und zu Frustration sowohl bei den Pflegefachkräften als auch bei den Pflegebedürftigen. Für persönliche Gespräche und Zwischenmenschliches bleibt in diesem rigiden Zeitregime wenig Platz – der beziehungsorientierte und kommunikative Aspekt der Care-Arbeit kommt häufig zu kurz. Kommerzielle Anbieter von transnationalen Care-Arrangements versprechen hier Abhilfe: Sowohl 24h-Betreuungs-Unternehmen wie auch Pflegeheime in Osteuropa werben damit, sich umfassend Zeit für Pflege und Betreuung nehmen zu können.

Stereotypisierungen

Dabei werden die osteuropäischen Pflegekräfte als Quasi-Familienmitglieder dargestellt und die Dienstleistung als ein Arrangement verkauft, bei dem die Ideale einer familiären Betreuung aufrecht erhalten werden könnten. Nicht selten bedienen sich die kommerziellen Anbieter von Care-Dienstleistungen traditioneller Geschlechter-Stereotypen, indem Frauen als die idealen Pflegenden gesehen werden. Agenturen in der 24h-Betreuung stellen Care-Arbeiterinnen als «aufopfernde Wesen» oder «Pflegefeen» dar. Diese Zuschreibungen reproduzieren das Bild der häuslichen Sphäre als natürlichem Betätigungsfeld von Frauen, in der unbezahlbare Arbeit aus Liebe geleistet wird. Geschlechtsspezifische Stereotypisierungen verschränken sich dabei mit ethnischen Stereotypisierungen – wie das Beispiel der Agentur «Gute Wesen» zeigt: «Helferinnen aus Polen sind nicht nur günstiger, sondern können sich auch besser um Sie kümmern, weil sie mit Ihnen unter einem Dach wohnen. Es liegt in ihrer Natur, fürsorglich, warmherzig und liebevoll zu sein.» Dabei wird angenommen, dass Migrantinnen ihre eigene Autonomie aufgeben, ihren Lebensrhythmus demjenigen der betreuten Person anpassen, auf Privatsphäre und Individualität verzichten und zudem selber keine Reproduktionsarbeit für eigene Angehörige zu leisten haben. Sie stehen 24 Stunden am Tag zur Verfügung.

Ambivalenzen des globalisierten Care-Marktes

Die von den kommerziellen Anbietern angepriesenen Vorzüge von transnationalen Care-Arrangements mit Arbeitskräften aus osteuropäischen Ländern deuten auf verschiedenartige Versorgungsnöte und Krisen hin: Auf Überlastungssituationen von pflegenden Angehörigen, auf nicht zufriedenstellende, rationalisierte Pflegeinstitutionen – und auf die Tatsache, dass Pflege und Betreuung in der Schweiz sehr stark eine Privatangelegenheit ist. Gleichzeitig widerspiegeln sich in diesen Angeboten auch Widersprüche und Ambivalenzen in Bezug auf die Art und Weise, wie Care-Arbeit heute gesellschaftlich organisiert ist. Die erhoffte Aufwertung von Care-Arbeit tritt dadurch nicht ein, vielmehr zeigen die Arbeitsrealitäten in der 24h-Betreuung, dass sich ein neuer prekärer Niedriglohnsektor im Privathaushalt ausbreitet – mit entgrenzten Arbeitszeiten, unbezahlten Bereitschaftsdiensten und mangelhafter sozialer Absicherung. Während die Frage nach Fürsorge in reicheren Ländern des globalen Nordens zunehmend geprägt ist von Verschiebungen und Auslagerungen der Care-Arbeit, entstehen transnationale Räume, in denen Menschen ungleich versorgt werden und in ungleicher Weise und ungleichem Umfang Care-Arbeit leisten. Dabei kommt es kaum zu einer Entlastung der Frauen durch eine Umverteilung von Care-Arbeit auf Männer, sondern eher durch eine Verlagerung auf den Markt, wo gering entlohnte Arbeitskräfte aus dem Ausland – wiederum hauptsächlich Frauen – Sorgeleistungen übernehmen. Gleichzeitig geht dieser Transfer von Care-Arbeit mit einer globalen Ungleichverteilung von Sorge einher, wie das Beispiel einer polnischen 24h-Betreuerin verdeutlicht, die sich in der Schweiz rund um die Uhr um einen pflegebedürftigen Mann kümmert: Ihre beiden bettlägerigen Eltern leben in einem privaten Pflegeheim im Osten Polens, wo aufgrund des Pflegenotstands dreissig pflegebedürftige Menschen von gerade mal einer Köchin und einer Hilfspflegerin umsorgt werden.

Zukunft mit Respekt

Care-Migration als «Lösung» für den Pflegenotstand zu sehen ist also verkürzt – auch deshalb, weil damit Versorgungslücken in die Herkunftsländer des rekrutierten Personals verschoben werden. «Es ist ein Skandal, dass wir Frauen für eine Arbeit rund um die Uhr nur einen Lohn erhalten, mit dem wir nicht leben können. Viele Leute in der Schweiz denken, das ist genug für uns, weil wir aus Polen oder Ungarn kommen. Aber auch wir haben das Recht, dass die Gesetze der Schweiz für uns gelten. Die Arbeitgeber meinen immer noch, es liege in unserer Natur als Frauen, dass wir einen Teil der Betreuungsarbeit gratis machen. Damit ist jetzt Schluss!» Mit diesen klaren Worten wendete sich die Care-Arbeiterin Bozena Domanska kürzlich an die Öffentlichkeit. Zusammen mit ihren polnischen Kolleginnen, die in der 24h-Betreuung arbeiten, gründete sie in Basel das Netzwerk «Respekt» und setzt sich für faire Löhne, würdige Arbeitsbedingungen und eine bessere öffentliche Finanzierung im Pflegesektor ein. Es ist zu hoffen, dass ihre Stimme in den aktuellen politischen Debatten gehört wird. Denn gegenwärtig wird auf nationaler Ebene nicht nur über die arbeitsrechtliche Regulierung von 24h-Betreuung durch Pendelmigrantinnen verhandelt (der Bundesrat muss bis Ende Jahr über Lösungsvorschläge beraten), sondern auch über Perspektiven in Bezug auf Langzeitpflege diskutiert. Der Bundesrat hat am 25. Mai 2016 einen Bericht vorgelegt, in dem er die Entwicklung im Bereich Langzeitpflege bis ins Jahr 2045 beleuchtet. Der Bericht fokussiert stark auf die Kosten für die öffentliche Hand und versäumt es dabei, vertiefter auf die Care-Krisen in den privaten Haushalten einzugehen. Unterschlagen wird dabei leider auch eine ganz zentrale Erkenntnis: Wer in der Langzeitpflege sparen will, verlagert lediglich die Kosten – und verschärft damit soziale Ungleichheiten.

1Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger und Brigitte Schnegg (2010): Pflegende Angehörige von älteren Menschen in der Schweiz. Schlussbericht. SwissAgeCare-2010, Forschungsprojekt im Auftrag von Spitex-Schweiz.

Sarah Schilliger ist Soziologin und promovierte 2014 zur Pendelmigration von polnischen Care-Arbeiterinnen. Sie arbeitet als Oberassistentin am Seminar für Soziologie der Universität Basel und als Lehrbeauftragte am Zentrum Gender Studies Basel.

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