Rollenbilder

Text für 16 Tage gegen Gewalt an Frauen

Evelyne Zinsstag

In der Fachkommission Frauen&Gender von Mission 21 begleiten wir die Arbeit von Mission 21 aus Gender-Sicht. Wichtig ist dabei die Pflege des internationalen Frauennetzwerks von Mission 21. Im Austausch mit den Frauen aus den Partnerkirchen von Mission 21 stellen wir immer wieder fest, das unsere jeweilige Situation in der Kirche nicht so unterschiedlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Dieselben rhetorischen, strategischen und strukturellen Diskriminierungsmethoden werden international angewendet. Hier ein persönliches Erlebnis aus der Schweiz:

In der Ausbildung zum reformierten Pfarramt durchlaufen die Theologiestudierenden ein Praktikumssemester. Dieses Semester sind wir 24 Studierende, davon 13 Frauen und 11 Männer. Die Einführungswoche wird von zwei Pfarrerinnen geleitet. Am Ende der Woche kritisieren mehrere männliche Teilnehmer die Dominanz „weiblicher Unterrichtsmethoden“ in den Kursen. Weibliche Unterrichtsmethoden? In den Kursen hatten wir uns die meisten Themen durch Gruppengespräche, theatralische Improvisationen, Pantomime und Bildermalen erarbeitet. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten Vortrags- oder Diskussionssequenzen vermisst, in denen auf einer diskursiveren Ebene gearbeitet wurde. Doch keiner der weiblichen Teilnehmerinnen war es eingefallen, die verschiedenen Unterrichtsmethoden weiblichen oder männlichen Kategorien zuzuordnen.

Kommilitonen, die solche Zuordnungen machen, rechtfertigen diese mit beobachtbaren geschlechtsspezifischen Verhaltensunterschieden. Sie empfinden diese Kategorisierungen als empirisch fundiert. Dass das Denken in fixen Geschlechterkategorien reale Konsequenzen für ihre Mitmenschen hat, ist ihnen entweder nicht bewusst oder wird aktiv verdrängt. Das weist auf zwei Probleme hin:

  1. Wenn ihnen wirklich nicht bewusst ist, welche Gefahr die unreflektierte Rhetorik von Geschlechterrollen für ihren eigenen Umgang mit Frauen und Männern, aber auch für die strukturelle Gleichstellung der Geschlechter hat, bedeutet dies, dass dieses Thema im Theologiestudium nicht ausreichend behandelt wurde. Dies ist ein Mangel im Lehrplan, der an einigen theologischen Fakultäten der Schweiz besteht. Studierende an Fakultäten, wo dieses Thema behandelt wird, äussern sich differenzierter über das Thema der Geschlechterrollen. Dies ist für angehende Pfarrpersonen wichtig, deren Amt die Auslegung der Schrift und die rechte Verwaltung der Sakramente beinhaltet. Ihre Worte, auch über Geschlechterrollen, haben eine nicht zu unterschätzende Macht.
  2. Wenn sie es (vielleicht wiederum unbewusst?) verdrängen, weist dies auf ein typisches Verhalten von Gruppen hin, die ihre Privilegien in Gefahr sehen: Sie wählen instinktiv Strategien, um ihre Konkurrenz in Schach zu halten. Da es nicht akzeptabel wäre, zu sagen, Frauen sollten nicht die gleichen Rechte haben wie Männer, werden ihnen eben subtil „weiche“ Eigenschaften zugeschrieben, um die Legitimität ihrer Führungspositionen zu untergraben. Studien zeigen immer wieder: Männer fühlen sich in Gruppen mit einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis benachteiligt. Männer mögen keine weiblichen Vorgesetzten. Männer haben genug von den Bemühungen, die für die Gleichberechtigung von Frauen am Arbeitsplatz gemacht werden – obwohl sie faktisch weiterhin mehrheitlich die privilegierten Positionen einnehmen.

Die reformierten Kirchen der Schweiz haben in der Gleichstellung der Frau eine eigentümliche Rolle gespielt. In den 1950er Jahren begannen die ersten Kantonalkirchen, Frauen als Pfarrerinnen zuzulassen, nachdem Frauen vielerorts bereits seit den 1920ern das kirchliche Stimm- und Wahlrecht besassen. Damit sind die reformierten Kirchen die einzige religiöse Institution in der Schweiz, die vor dem Staat die Gleichstellung der Frauen auf allen Ebenen einführte. Dennoch unterscheidet sich heute die kirchliche Gleichstellungssituation kaum von der gesellschaftlichen. Obwohl etwa 35% der amtierenden Pfarrpersonen Frauen sind, sind sie als Teilzeitberufstätige schlechter bezahlt und in Entscheidungsgremien und Führungspositionen weniger stark vertreten als Männer. Die Frauenkonferenz des SEK stellte jüngst sogar einen Rückgang von Frauen in Führungspositionen fest. Der Männerschwund, der sich in den Mitgliederstatistiken bemerkbar macht, wird als „Feminisierung der Kirche“ problematisiert. Beklagt wird also nicht, dass sich zu wenige Männer an der Basis einsetzen. Sondern, dass der „Frauenüberschuss“ die Kirche weiblich, weichlich macht, und damit nicht mehr ernstnehmbar als „harte“ Stimme in Politik und Gesellschaft.

Die Rhetorik „Frau–weich“, „Mann–hart“ ist seit der Industrialisierung, die die Teilung der Arbeitsbereiche in einen häuslichen, unbezahlten und einen öffentlichen, bezahlten Teil auslöste, in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer verankert. Die Theologie tat das Ihre, um mit Auslegungen der Schöpfungsberichte und der Paulus-Briefe diese Rhetorik der Geschlechterordnung zu legitimieren. In den konservativen Kreisen innerhalb der Landeskirchen und besonders auch in zahlreichen evangelikal orientierten Freikirchen wird diese überholte Rhetorik weiter gepflegt. Angesichts der Öffnung der Ausbildung zum landeskirchlichen Pfarramt für Absolventinnen und Absolventen von evangelikal orientierten Schulen ist dies höchst bedenklich. Die Verstärkung von Gender-Kursen und der Einbezug feministischer und feministisch-theologischer Klassiker in den allgemeinen Unterrichtskanon tut Not.

 

Evelyne Zinsstag
Basel, den 19.11.2016

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2 Antworten zu Rollenbilder

  1. Ja bedenklich ist diese deine Analyse in der Tat liebe Evelyne!

  2. Juliane Hartmann schreibt:

    Danke für den reflektierten Text
    Wir bleiben dran….

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