Gottebenbildlichkeit im Koma

Geschaffen nach Gottes Bild und Gleichnis

Gerlinde Röckemann dsc04076

Der Artikel „Gottebenbild im Plural“ von Dorothee Wilhelm in Fama 4/97 hat mich zum Weiterdenken angeregt. Er schließt folgendermaßen: „Wir alle zusammen sind Ebenbild Gottes, und wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, wer jetzt noch fehlt, wer sich ins Gesamtbild noch eintragen wird. Das Gottesbild bleibt Suchbild, das Leben geht – oder rollt oder … – immer auch noch ganz anders.“

Ich möchte mit diesen Zeilen einen Personenkreis dem Gesamtbild hinzufügen, der nicht für sich selbst aufkommen und sich nicht selbst eintragen kann – und zwar deshalb, weil diesen Menschen nicht etwa die Gottebenbildlichkeit sondern sogar schon die volle Menschlichkeit abgesprochen wird: die Koma- und WachkomapatientInnen.

Ich spreche aus persönlicher Betrofffenheit: Vor mehr als zweieinhalb Jahren erlitt eine nahe Angehörige von mir ein schweres Hirnbluten, fiel für volle vier Wochen ins Koma und war anschließend mehrere Monate im Wachkoma. Nach einer erfolgreichen mehrmonatigen Reha-Maßnahme ist sie heute noch immer schwer pflege- bzw. hilfsbedürftig, kann aber zu einem großen Stück wieder am Familienleben teilnehmen, einem Gespräch folgen und sich selbst sinnvoll daran beteiligen, nimmt regen Anteil an ihrer Umgebung und hat – wie jeder Mensch – einen von Freuden und Leiden geprägten Alltag, der sie ihren Möglichkeiten und Grenzen entsprechend ausfüllt. Niemand stellt heute den Wert und Sinn ihres Lebens infrage. Das war nicht immer so!

Während sie im Koma lag (Herbst 1995) und die Ärzte immer wieder beteuerten, sie habe gute Chancen „durchzukommen“, gab es eine ganze Reihe von Familienmitgliedern – gute KatolikInnen übrigens! – die ihr den Tod mehr wünschten als dies „menschenunwürdige“ Leben.

Wird da nicht etwas zu locker mit der Verheißung der ewigen Seligkeit umgegangen, die nach dem Tod auf uns wartet? Wird das Leben als Geschenk Gottes ganz ernst genommen? Wie ist es mit unserem Potential an Hoffnung auch schon in diesem und für dieses Leben bestellt? Wird das Geheimnis der Menschwerdung Gottes nicht irgendwie gering geschätzt, wenn der Tod wünschenswerter erscheint als zähes Mühen um ein menschliches Leben bei jemanden über dessen Bewusstsein wir nichts wissen?

Als unsere Angehörige im Wachkoma lag und niemanden außer der allernächsten Bezugsperson „erkannte“ (auch das war natürlich nicht objektiv nachprüfbar), nicht sprechen, sich nicht nonverbal verständlich machen und sich auch nicht selbst bewegen konnte, wurden wie alljährlich Weihnachtslieder gesungen. In dem Lied „Menschen, die ihr wart verloren …“ von Christoph Bernhard Verspoell aus dem 19. Jahrhundert lautet die zweite Strophe:

Welche Wunder, reich an Segen,
stellt euch dies Geheimnis dar!
Seht, der kann sich selbst nicht regen,
durch den alles ist und war.

Lasst uns vor ihm niederfallen,
ihm soll Preis und Dank erschallen:
„Ehre sei Gott, Ehre sei Gott,
Ehre sei Gott in der Höhe!“

Nehmen wir als ChristInnen ernst, was wir da voll Stimmung und Gemüt andächtig singen? Wie können wir Gottes Menschwerdung ernstnehmen und es noch dazu bewundernd besingen, dass „der … sich selbst nicht regen“ kann, wenn wir dieselbe Tatsache bei unseren Mitmenschen und sogar bei unseren Angehörigen als etwas betrachten, das besser mit dem Tod zu vertauschen wäre? Wenn wir Menschen in dieser „Bewegungsunfähigkeit“ und Hilflosigkeit nicht als unseres Gleichen annehmen können, wie können wir dann Gott, der/die sich freiwillig in diese Situation begab, zum obersten Maß unseres Lebens machen?

Zugegeben: Damals war nicht vorherzusehen, dass unsere Angehörige nochmal wieder soweit „ins Leben zurückkehren“ würde, wie dies heute (1998) der Fall ist. Aber die Möglichkeiten dazu, die hatte sie auch damals schon in sich, als sie wochen-, ja monatelang „sich selbst nicht regen“ konnte.

Wer Menschen im Koma und Wachkoma anders einstuft, bewertet und behandelt als irgendeinen anderen Menschen, um dessen Leben wir uns aus unserer christlichen Verantwortung heraus doch auch mit aller Kraft mühen, der oder die arbeitet mit an einem Dammbruch, unter dem schließlich alles menschliche Leben als disponibel begraben werden kann. Er oder sie können sich nicht auf ihren Glauben an das ewige Heil zurückziehen, welches diesen bemitleidenswerten Menschen auch nach dem Tod durch Organentnahme oder Absetzten der künstlichen Ernährung nicht verloren gehen wird. Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass ein Koma- oder Wachkomapatient keine „Fortschritte“ mehr machen oder an Lebensqualität gewinnen kann.

Menschen im Koma und Wachkoma sind in ganz augenfälliger Weise Gott ähnlich, wie das stimmungsvolle Weihnachtslied – sicher unbeabsichtigt – deutlich macht. Sie kommen bisher in keiner Theologie vor. Aber sie kommen bei Gott und in Gott vor. Das müsste für uns ChristInnen Handlungskonsequenzen haben angesichts der europaweiten, mitunter menschenverachtenden Diskussion um die sogenannte Bioethik-Konvention.

Gerlinde Röckemann ist FAMA-Leserin der ersten Stunde und hat beim Aufräumen diesen fast zwanzig Jahre alten Text wieder gefunden. Aktuell und bedenkenswert ist er nach wie vor. Herzlichen Dank an die Autorin fürs Teilen ihrer Gedanken!
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