Feindbild Gender

Analyse einer rechtspopulistischen Hetze

Franziska Schutzbach

aus: FAMA 2/2017, hier in der ungekürzten Version.

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Simone de Beauvoir schrieb diesen Satz vor mehr als 70 Jahren. Die aktuell wieder zunehmenden Anfeindungen des Feminismus, der Gender Studies sowie die Diffamierung von Gleichstellungspolitiken oder LGBTQ-Anliegen zeigen allerdings: Beauvoirs These ist heute so brisant wie damals.

Dass zu Geschlecht und Sexualität kontrovers politisiert wird, ist nicht neu. Feminismus wird geächtet und bekämpft, seit es ihn gibt. Warum sich also damit befassen? Was die aktuellen Anfeindungen relevant macht, ist der Umstand, dass sie mit Rechtspopulismus kombiniert werden.

Wie die Soziologinnen Sabine Hark und Paula Villa feststellen: Die Feindbilder Feminismus und „Genderismus“ sind entscheidende Elemente rechtsnationaler, christlich-fundamentalistischer, aber auch neoliberaler Weltanschauungen. Aktuell sind systematische Angriffe auf ‚Gender‘ besonders beliebt, weil sich das Konzept in staatlichen und politischen Organisationen etabliert hat und auch als Forschungsrichtung anerkannt und – bescheiden – finanziert wird. ‚Gender‘ weist also Merkmale auf, aus denen sich die aufstrebende anti-etatistische Rhetorik speisen lässt.

So wird „Genderismus“ oft als „Staatsdoktrin der Gleichmacherei“ bezeichnet. Beschworen wird ein dystopisches Szenario (übersetzen), in dem ein elitärer Staat – oder wahlweise die EU – die Bürger_innen zu geschlechtslosen Monstern umerziehe, zu einem „Frankenstein ohne Geschlecht“, wie Markus Somm (Basler Zeitung, 2014) behauptet: ein Staat, der natürliche – oder, wie auf der rassistischen, christlich-fundamentalistischen Seite zukunft-ch.ch zu lesen ist: ‚gottgegebene‘ – Unterschiede zwischen Mann und Frau verbiete. In den vergangenen Jahren haben sich europaweite Allianzen aus dem christlich-fundamentalistischen, neu-rechten, aber auch „bürgerlichen“ Lager formiert, die Gender als „Gleichstellungs-Exzess“ oder „Pseudowissenschaft“ jenseits „naturwissenschaftlich objektiver Tatsachen“ (Weltwoche 2014) und „gesundem Menschenverstand“ (Frankfurter Erklärung 2016) bekämpfen. Neu ist auch die verstärkte Zusammenarbeit von rechtskonservativen Parteien und christlich-fundamentalistischen Organisationen, die gegen das Abtreibungsrecht vorgehen oder gegen die Rechte von Homosexuellen (etwa beim Adoptionsgesetz) (es ist wichtig, zwischen ‚christ-fundamentalistisch’ und ‚christlich’ zu unterscheiden, denn zahlreiche fortschrittliche Akteurinnen in Kirchenkreisen und/oder feministische Theologinnen setzten sich seit Jahrzehnten für Geschlechtergerechtigkeit und die Rechte von Frauen ein und bringen Gender-Diskurse auch in die Kirchen).

Was macht ‚Gender‘ derart kontrovers? Die Kritiker_innen haben sehr wohl verstanden, was das Konzept impliziert, nämlich in der Tat ein post-naturalistisches, post-essentialistisches Verständnis von Geschlecht. Die Gender Studies gehen davon aus, dass Geschlecht und Sexualität erst durch soziale, biologische, kulturelle und spezifisch historische Bedingtheiten entstehen. Damit ist die Einsicht verbunden, dass Menschen zu bestimmten ‚Männern‘ und ‚Frauen‘ werden – in lebenslänglich andauernden komplexen Dynamiken, die weder auf Natur noch auf Kultur reduziert werden können. Das besagt aber auch, dass Hierarchien oder Lebensweisen nicht einfach feststehen, sondern veränderbar sind.

Mit ‚Gender’ ging es zunächst darum, das biologische (sex) und das soziale (gender) Geschlecht zu unterscheiden: Eine Vagina zu haben heisst nicht automatisch, eine bestimmte weibliche Identität zu haben. Diese entsteht erst durch die Gesellschaft. Die Biologie legt nicht fest, wie Geschlecht gelebt wird und welche Bedeutung es hat. Im Verlauf der 1980er Jahre wurde diese Erkenntnis auch auf die Dimension der sexuellen Orientierung erweitert, denn die Biologie bestimmt auch nicht, wie und wen wir begehren (Butler 1991). Anders ausgedrückt: Wer eine Vagina hat, muss weder zwangsläufig eine weibliche Identität entwickeln noch Männer begehren. Der Zusammenhang zwischen biologischem Geschlecht, sozialer Geschlechterrolle und sexueller Orientierung ist nicht vorgegeben.

Damit weist der Gender-Begriff aber nicht, wie häufig behauptet, die Existenz oder Wirkung körperlicher Geschlechterdifferenzen oder Biologie zurück, sondern lediglich: Körperliche Merkmale legen nicht von sich aus eine spezifische Bedeutung von Weiblichkeit/Männlichkeit nahe. Das passiert vielmehr im Kontext von Gesellschaft, von Normen und Idealen und auch von Machverhältnissen.

Auch Naturwissenschaftler_innen teilen dies Einsicht: Der Neurowissenschaftler Simon Baron Cohen bezeichnet die „Natur versus Kultur“-Debatte als geradezu absurd simplifizierend. Er plädiert dafür, die Interaktion zwischen beidem in den Blick zu nehmen. Bestimmte Strukturen des Gehirns, Anatomie, Chromosomen, Hormone usw. kommen bei Männern und Frauen vielleicht häufiger oder seltener vor. Dieser Umstand interagiert aber mit Umwelt-Einflüssen und Erfahrungen: „Hormone sind von UV-Licht oder der Diät abhängig, sie reagieren auf Angst oder Lust, sie treten je nach Alter einer Person unterschiedlich auf. Und umgekehrt: Hormone beeinflussen Angst und Lust, sie machen Hunger oder müde. Doch Hormone machen ebenso wenig wie bestimmte Hirnstrukturen oder Chromosomensätze Frauen und Männer“ (Hark).

Dass es zwei, und nur zwei geschlechtliche Existenzweisen geben soll, ist eine gesellschaftliche ‚Erfindung’. Die Gender Studies konnten zeigen, dass diese strikte Binarität erst mit der Moderne so bedeutsam wurde, das heisst mit der Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie, deren Arbeitsteilung und Ehe-Ideal. Diese im Grunde triviale Einsicht „stellt allerdings für viele inner- wie ausserhalb der Wissenschaft eine schwer zu schluckende Kröte dar“ (Hark). Denn sie stellt zentrale Eckpfeiler der herrschenden Gesellschafts- und Geschlechterordnung in Frage. Der Gender-Begriff bricht mit der lebensweltlichen doxa (Bourdieu), dem Alltagsglauben also, es gebe eine gegebene, unveränderliche und naturhafte Essenz des Geschlechts oder der Geschlechterdifferenz.

In den 1990er Jahren wurde der Begriff Gender auch zunehmend auf der Ebene von Politik und Institutionen eingeführt, an der Weltfrauenkonferenz in Peking (1995) wurde er erstmals in internationale Beschlüsse aufgenommen. Dies löste schon damals zahlreiche Einwände aus. Insbesondere der Vatikan versuchte, die Etablierung des Begriffs zu verhindern. Gender, so die Argumentation, würde die Natürlichkeit der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit leugnen und damit die traditionelle Geschlechterordnung gefährden, die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Mutterschaft. Gender sei zudem ein Einfallstor für die Gleichberechtigung ‚anderer’ sexueller Orientierungen und überhaupt für eine Vermehrung der Geschlechter.

Seit der Begriff etabliert wurde, formulieren aber auch Journalist_innen und Expert_innen in den Feuilletons Polemiken und „besorgte Bürger“ beschweren sich heute in den Weiten der digitalen Medien über die „Gender-Mafia“ und über den angeblichen Boom der Gender Studies. Sie gehen gegen Lehrpläne zur sexuellen Vielfalt auf die Strasse oder verfassten Petitionen. Diejenigen, die sich wissenschaftlich mit Gender und/oder mit Sexualität befassen, werden heute zum Teil persönlich attackiert und manchmal handfest bedroht.

Zentral ist dabei der Vorwurf, die Gender Studies seien nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch, meistens ist deshalb diskreditierend vom ‚Genderismus’ oder von der Gender-Ideologie die Rede. So fordert die breit rezipierte Petition ‚Kein Gender im Lehrplan 21’ in der Schweiz, Gender und Gleichstellung sowie alle damit verbundenen Themen aus dem neuen Lehrplan zu streichen.

Der Verein Zukunft CH verortet in Gender eine Bedrohung, weil Männlichkeit und Weiblichkeit als „beliebig veränderbar“ konzipiert würden, und der Churer Bischof Huonder warnt, der „Genderismus“ betrachte „jede sexuelle Praxis (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell) als gleichwertig mit der Heterosexualität“. Dies sei ein „Angriff auf Ehe und Familie als die tragenden Strukturen unserer Gesellschaft“ und gefährde die „tiefe Identität der Frau als Mutter“ (Zukunft CH) und damit den heterosexuellen Lebensentwurf als Basis der Familie.

Aus anti-genderistischer Sicht führt die Vorstellung der Veränderbarkeit unweigerlich in „Orientierungslosigkeit“ (Zukunft CH) und endet letztlich gar im Zerfall der Gesellschaft. Ohne eine stabile (Geschlechter-)Ordnung sei die Gesellschaft (oder das Volk) der ständigen Bedrohung von innen und aussen ausgeliefert – beispielsweise gegenüber der „schleichenden Einführung der Scharia“ (Zukunft CH) und der Überfremdung durch Migration.

Es ist kein Zufall, dass das Pochen auf „Natur“ in einer Zeit an Brisanz gewinnt, in der sich nicht nur christlich-fundamentalistische, sondern auch nationalistische und völkische Ideen wieder ausbreiten. Zur klassischen völkischen Ideologie gehören Kategorien wie Abstammung oder natürliche Zugehörigkeit, also Vorstellungen von Blut und Boden. Aber auch das Ideal einer natürlichen Geschlechterordnung ist charakteristisch, überhaupt die Vorstellung, alles habe seine natürliche Ordnung.

Aktuell ist das Wiedererstarken eines „aggressiven Harmoniewunsches“ (Daniel Keil ) zu beobachten, in dem das so genannte Volk als organisches Ganzes gegenüber einem bedrohlichen Rest der Welt imaginiert wird. Ob bei Pegida oder der SVP, konstruiert wird eine Übermacht der „Gutmenschen“, der „Politikerkaste“, der „classe politique“ oder von „denen dort oben in Bern“, die angeblich verhindern, was dieses so genannte Volk wirklich will. Wahlweise droht auch die Zersetzung des Volkes durch den „linksliberalen Medienmainstream“, durch Wissenschaft und Intellektuelle oder eben durch die „Gender-Elite“, „Femokratie“ oder „Homo-Lobby“. Diese Ängste sind nicht neu, und auch die Forderung, das Volk zu „befreien“ – vom Staat, von der Wissenschaft oder von den emanzipierten Frauen – wurde schon von den völkischen Vordenkern zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestellt. Ihnen schwebte dabei keineswegs ein egalitäres Gemeinschaftsmodell vor: Das freie Volk zeichne sich gerade durch Ungleichheit aus, konkret: durch die Minderwertigkeit von Frauen oder bestimmten „Rassen“, wie der antisemitische Schriftsteller und Kulturkritiker Julius Langbehn 1922 schrieb: „Gleichheit ist Tod, Gliederung ist Leben“.

Dass solche Vorstellungen in ähnlicher Form heute wieder Erfolg haben, liegt auch an ihrer Verknüpfung mit neoliberalen Ansichten: Die Doktrin der Eigenverantwortung (jeder ist seines eigenen Glückes Schmied) und der selbstregulierenden Märkte macht Kategorien wie Egalität obsolet: Ungleichheit gilt heute als legitimer Effekt eines sozialdarwinistisch-ökonomischen Sachzwangs. In Bezug auf Geschlecht bedeutet dies, dass einerseits Selbstbestimmung und Freiheit proklamiert werden kann, andererseits für ihre Umsetzung keinerlei Verantwortung übernommen werden muss.

Da der Neoliberalismus jedoch nicht zu mehr Rechten, Toleranz und Freiheit führt, sondern Prekarisierung und soziale Ungleichheiten verschärft, ist er neuerdings auch kompatibel mit rechten Forderungen nach Disziplinierung, sozialer Kontrolle, Autorität und sogar Nationalismus. Um es mit dem Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge zu sagen: Wenn sich Neokonservatismus und Neoliberalismus verbinden, entsteht daraus ein besonders aggressiver Standortnationalismus. Und so hört man mit Verweis auf den angeblich eigenen fortschrittlichen nationalen Standort und in Abgrenzung zur drohenden „Islamisierung“ nun öfter das offensive Eintreten für weibliche Rechte oder Selbstbestimmung. Hier zeigt sich ein Mechanismus, der aus dem sekundären Antisemitismus bekannt ist: Frauenfeindlichkeit wird nur bei Muslim_innen oder anderen Migrant_innen vermutet, während die Geschlechterordnung, die man dem eigenen Volk oder der eigenen Nation attestiert, keine solchen Probleme aufweise. In diesem Sinne stehen auch die starken rechten Frauenfiguren (Magdalena Martullo-Blocher, Marine le Pen, Frauke Petry usw.) für die eigene Fortschrittlichkeit – allerdings nur, so lange diese das Nationalisierungsprojekt unterstützen.

In der neuen Rechten ist das Kunststück möglich, gleichzeitig für und gegen Gleichstellung zu sein. Man gibt sich pro Gleichberechtigung, wehrt aber jegliche Forderung ab, diese auch rechtlich zu fixieren und materiell umzusetzen. ‚Frauenrechte‘ werden als abendländischer Fortschritt behauptet, gleichzeitig schiesst die neue Rechte scharf gegen ein ‚genderistisches‘ „zu Viel“ an Emanzipation (Pluralisierung) und zieht eine Grenze: bis hierher und nicht weiter.

Aber warum ist der Anti-Genderismus gerade jetzt wieder so stark? Vielleicht handelt es sich auch um Reaktionen auf vielschichtige Veränderungen: Bei den MTV Music Awards 2014 tanzte die US-amerikanische Sängerin Beyoncé vor dem Schriftzug „Feminist“. Conchita Wurst, die bärtige Dragqueen, gewann 2015 den Eurovision Songcontest und Lady Gaga macht sich gegen Rapeculture stark. Fast scheint es, als wären queer-feministische Anliegen und Gleichstellung heute Mainstream. Ist der Anti-„Genderismus“ womöglich eine Reaktion auf diese neue Selbstverständlichkeit von Feminismus, Gleichstellung, Homosexualität und mithin ein Verweis auf die Erfolge dieser Anliegen? Ist Anti-„Genderismus“ein Versuch, die Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen aufzuhalten (Maihofer)?

Der Geschlechterwandel steht nicht zuletzt in engem Zusammenhang mit Erfahrungen ökonomischer Prekarisierung. Die Sorge vor dem ökonomischen Abstieg oder der tatsächliche Abstieg verbinden sich mit Erfahrungen, Reproduktionsanforderungen (Care) nicht entsprechen zu können. Viele Menschen gehen am unglaublichen Stress zwischen Familienarbeit und Erwerbstätigkeit schier zugrunde. Vermutlich ist Anti-Genderismus auch der Versuch, Schuldige zu markieren, um solche Erfahrungen zu bewältigen. Anti-Genderismus ist auch das Symptom der kapitalistischen Wirtschafts- und Arbeitswelt und der Erosion der Sozialsysteme. Viele Menschen können sich ein Einernährermodell nicht mehr leisten. Die Einführung des Adult-Worker-Modells erhöhte den Druck auf die Reproduktionssphäre, da Frauen Care-Tätigkeiten nicht mehr selbstverständlich abdecken. Der Reproduktionsbereich wird wiederum an Menschen in sozial schwächeren Positionen (vor allem Migrant_innen) delegiert, die diese Tätigkeiten zu Minimallöhnen und unter unsicheren Arbeitsverhältnissen verrichten.

Soziale Ungleichheiten verschärfen sich insgesamt und rufen ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit und Re-Souveränisierung hervor. Dadurch wird zum einen die Familie wieder zunehmend als ein Ort der Sicherheit idealisiert, als ein Ort, an dem „Frauen als Sozial-Puffer den Rückzug des Staates aus der sozialen Verantwortung abfedern“ sollen (Weiss). Weiss zufolge handelt es sich hierbei um ein historisches Merkmal moderner Gesellschaften: Auf Erschütterungen reagieren sie, indem unter anderem über „richtige“ Weiblichkeit und Männlichkeit verhandelt wird. Mit anderen Worten ist es ein historisch wiederkehrendes Phänomen, Transformationen, Erfahrungen von Ungleichheit und Prekarität vor allem als Ausdruck eines Wertezerfalls zu deuten. Komplexe Transformationsprozesse werden häufig mit dem Ruf nach der Herstellung einer klaren Geschlechterordnung beantwortet. Dabei werden Feindbilder aufgebaut – wie „der Feminismus“ bzw. aktuell „der Genderismus“ – und ihnen eine Hegemonie unterstellt, die mitnichten gesellschaftliche Realität ist. Durch die Inszenierung von Werte-Feinden („Genderisten“) bleibt die herrschaftsförmige Geschlechterordnung – auch als ein kapitalistisches Verhältnis – von der Kritik letztlich unberührt. Anstatt die ausbeuterischen Tiefenstrukturen des patriarchalen (und nicht zuletzt rassistischen und klassistischen) Kapitalismus zu verurteilen, werden Frauenemanzipation, heiratende Homosexuelle, Dragqueens und Scheidungsraten skandalisiert.

Siri (2015) und Kemper (2014) machen deutlich, dass sich das Phänomen Anti-„Genderismus“ parteipolitisch nicht klar zuordnen lässt. Die Akteur_innen setzen sich aus einem breiten Spektrum zusammen und reichen von Parteien über neurechte Bewegungen (Pegida), christliche Fundamentalist_innen, Konservative, Journalist_innen, Männerrechtsorganisationen bis hin zur Maskulistenszene im Internet. Das legt die These nahe, dass Anti-„Genderismus“ als gemeinsamer Nenner für viele funktioniert. Siri (2015) konstatiert, dass mit Anti-Genderismus ein gemeinsamer Topos gefunden wurde, der extreme Rechte, (rechts-)konservative, neoliberale und auch weniger eindeutig positionierte Akteur_innen, Organisationen und Gruppierungen zueinanderfinden lässt.

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass all dies wiederum nicht ohne Reaktionen bleibt: Spürbar ist derzeit nämlich auch ein Aufwind in den Frauen*bewegungen. Feminismus hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht geschlafen, es gab viel theoretische Arbeit – etwa zum Thema Intersektionalität, die Erkenntnis also, dass es nicht nur um Geschlecht, sondern auch um Klassenfragen, um Rassismus und andere Diskriminierungsstrukturen geht. Diese Arbeit wird jetzt auf der Strasse sichtbar, die Frauenbewegung macht das, was der Linken sonst kaum gelingt: eine vereinende Bewegung auf die Beine zu stellen, die den reaktionären Kräften etwas entgegenstellt. Es ist bemerkenswert, dass das unter dem Label „Women“ bzw. „Women’s March“ passiert. Feminismus stand in der Aussenwahrnehmung immer für Partikularinteressen – auch wenn er natürlich immer mehr als das war. Aber jetzt zeigt sich, was Feminismus kann: eine multiple, inklusive Perspektive bieten, verschiedene Diskriminierungsformen und Ausbeutungsverhältnisse in den Blick nehmen. Es stellt sich die Frage, wie lange das Feuer anhält und wie diese Bewegungen unter dem Label „Women’s March“ weitergehen.

***

Die Analysen zum Anti-Genderismus sind teilweise in Zusammenarbeit mit Andrea Maihofer entstanden und hier publiziert: Maihofer, Andrea; Schutzbach, Franziska: Vom Antifeminismus zum ›Antigenderismus‹ – Eine zeitdiagnostische Betrachtung am Beispiel Schweiz. In: Hark, Sabine; Villa, Paula (Hg.) (2015): (Anti-)Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Transcript.
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Eine Antwort zu Feindbild Gender

  1. Esther Gisler Fischer schreibt:

    Eine für mich hilfreiche Analyse. Besten Dank dafür!

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