Barbara Bleisch: Kinder schulden Eltern nichts

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Rezension von Doris Strahm

„Warum wir unseren Eltern nichts schulden.“ So lautet der Titel des neuen Buches der Philosophin und Ethikerin Barbara Bleisch. Ein Titel, der auf den ersten Blick irritieren oder gar befremden mag. Zugegeben: Auch mich hat der Titel der Buches zunächst etwas irritiert. Denn ist es nicht so, dass wir unseren Eltern Dankbarkeit und im Alter Fürsorge schulden, dafür, dass sie uns das Leben geschenkt und meist viel Lebenszeit und Geld in unsere Erziehung und Bildung investiert haben? Doch das Buch hat mich gerade wegen des provokativen Titels neugierig gemacht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich Barbara Bleisch seit vielen Jahren als sehr kluge und differenziert denkende Philosophin und Moderatorin der Sternstunden „Philosophie“ von SRF schätze und daher wissen wollte, wie sie zur These ihres Buches kommt.

Ausgangspunkt und Leitfrage ihres Buches ist die grundsätzliche Frage, ob Kinder ihren Eltern etwas schulden. Eine Frage, die auch gesellschaftlich brisant ist ─ angesichts von Pflegenotstand und der Vereinsamung alter Menschen, wo wieder vermehrt die Kinder und häufig die Töchter in die Pflicht genommen werden. Viele Töchter und Söhne treibt die Frage um: Müsste ich meine Mutter öfter besuchen? Oder mich finanziell an der Pflege des Vaters beteiligen, obwohl die Beziehung zu ihm seit Jahren gestört ist? Barbara Bleisch geht als Philosophin der ethischen Frage nach, ob und wie sich das Gefühl von Verpflichtung, das viele Menschen ihren Eltern gegenüber haben, begründen lässt. Gibt es filiale Pflichten, „die wir allein aufgrund des Umstands haben, dass wir die Tochter oder der Sohn von jemanden sind“ (15), fragt sie in ihrem Buch. Ist der Umstand, dass uns jemand das Leben geschenkt hat, auch Anlass für eine moralische Verpflichtung diesen Menschen gegenüber? Nein, meint Bleisch, wir schulden unseren Eltern nichts, und sie versucht in ihrem Buch, diese These (moral-)philosophisch zu begründen. Denn, so ihr Hauptargument, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern kann nicht als eine Beziehung von Gläubiger und Schuldner verstanden werden. Kinder sind keine Schuldner, die mit ihren Eltern eine Vereinbarung eingegangen sind. Sie haben weder um ihr Leben, ihre Erziehung und Pflege gebeten, noch sich ihre Eltern ausgesucht. Zudem sind filiale Schulden, wenn es sie denn gäbe, weder genau definiert noch irgendwann einfach abgetragen, sondern bestehen, so der Anspruch der meisten Eltern, lebenslang. Bleisch hält deshalb fest: Die Eltern-Kind-Beziehung „kann nicht sinnvoll als ein Verhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner beschrieben werden. Zwar haben Eltern in aller Regel eine Menge für ihre Kinder getan. Doch Kinder haben bei ihrer Geburt nicht in eine Art Fürsorgevertrag eingewilligt, dessen bezogene Leistungen sie im Erwachsenenleben begleichen müssen. Der schiere Umstand, dass wir alle von jemandem geboren wurden, lädt uns keine Schuld auf, die wir als Erwachsene abzutragen haben“ (45). Dazu kommt: Familien können Orte des Glücks sein, aber sie sind auch anfällig für Verrat, Verletzung, Missgunst.

Gibt es aber nicht wenigstens so etwas wie eine Pflicht zur „Dankbarkeit“? Auch dieser verbreiteten Vorstellung widerspricht Barbara Bleisch. Natürlich sind viele Kinder ihren Eltern dankbar für all das, was sie von ihnen an Liebe und Fürsorge erhalten haben. Aber eine Dankesschuld, also eine Pflicht zur Dankbarkeit gibt es für Kinder nicht. Überhaupt ist Dankbarkeit eher eine Tugend als etwas, das man einfordern kann. Bleisch plädiert deshalb im Kontext der Eltern-Kind- bzw. Familienbeziehungen für einen Perspektivenwechsel: weg vom „transaktionalen Modell der Moral, bei dem der Austausch in Familien vor allem durch Transaktionen von Schulden oder Dankbarkeit geregelt wird, und hin zu einem relationalen Modell der Moral, bei dem die Pflichten und Gründe, die wir in Beziehungen haben, allein in der Beziehung selbst wurzeln“ (72). Diesen Perspektivenwechsel nimmt sie in der zweiten Hälfte ihres Buches vor, indem sie versucht, die Eltern-Kind-Beziehung als eine einmalige und sehr spezielle Beziehungsform besser zu verstehen. Sie untersucht dazu die Konzepte „Freundschaft“ und „Verwandtschaft“ sowie „relationale Verletzlichkeit“. Denn in Familienbeziehungen sind wir besonders verletzlich, weil die Familie wie keine andere Beziehung unsere Identität prägt, Familienmitglieder einander nicht aussuchen können, aber zugleich unersetzlich sind.

Im Schlusskapitel ihres Buches bringt sie das geglückte Leben ins Spiel und die Frage, wovon das Glücken der Familienbeziehungen abhängt ─ und was es heisst, als gute Tochter, als guter Sohn zu diesem familiären Glücken beizutragen. Und zwar nicht „weil wir mussten, sondern weil wir wollten weil zum guten Leben nicht allein die Moral und das Abarbeiten von Schuldigkeit gehören, sondern ebenso das Geschick, Beziehungen gekonnt zu führen und in dem, was wir uns vornehmen, erfolgreich zu sein“ (185). Und sie kommt zum Schluss, „dass Kinder ihren Eltern nichts schulden, dass sie sich aber bemühen sollen, gute Kinder zu sein“ (191), was unter anderem heisst, den Eltern mit Respekt zu begegnen, deren Verletzlichkeit zu berücksichtigen, ohne dabei sich selbst und die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren. Barbara Bleisch will also die Familie keineswegs als „moralfreie Zone“ etablieren und schreibt ihr Buch im Bewusstsein, dass Menschen auf gelingende Beziehungen angewiesen sind. Sie bestreitet nur, dass Eltern einen moralischen Anspruch auf die Zuwendung ihrer Kinder haben. Solch eine moralische Verpflichtung hält sie einerseits für philosophisch nicht begründbar, wie sie in ihrem Buch Schritt für Schritt argumentativ aufzeigt, und andererseits für kontraproduktiv, denn „erst aus der Freiheit heraus, sich ohne Pflichtgefühl auf die eigenen Eltern einzulassen, werden Kinder den Reichtum neu entdecken können, den eine Familie ja in vielen Fällen birgt“.

Barbara Bleisch stellt in ihrem Buch scheinbar Selbstverständliches in Frage, rührt für manche vielleicht gar an ein Tabu und bringt dadurch wichtige und sicher auch kontroverse gesellschaftliche und philosophische Debatten in Gang. Ich persönlich habe das Buch mit grossem Gewinn gelesen. Es hat mich auch zu einem vertieften Nachdenken über meine eigene Eltern-Beziehung angeregt, mir durch seine differenzierten Gedankengänge geholfen, mir darüber klar zu werden, was an dieser Beziehung ─ jenseits von moralischer Verpflichtung oder Dankesschuld ─ für mich einmalig und besonders kostbar ist.

Doris Strahm, feministische Theologin und Publizistin, ehemalige FAMA-Redaktorin

Barbara Bleisch, Warum wir unseren Eltern nichts schulden, Carl Hanser Verlag, München 2018

 

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