Leserinnenbrief zu 4_17 „Unser Vater?“

Liebe FAMA-Redakteurinnen

Mit grossem Interesse habe ich die aktuelle Nummer «Unser Vater?» gelesen. Mir hat einmal mehr der Mix aus persönlichen Zugängen/Reflexionen und sachlich-wissenschaftlicher Sicht äusserst gut gefallen. Und ich habe sehr von der anregenden Lektüre profitiert. Grosses Kompliment und Dankeschön!

Etwas schade finde ich, dass mir als muslimische Leserin ganz die Rolle der Aussenstehenden zugewiesen wird. Dabei sind die islamischen Bezüge zu allem was als jüdisch-christlich gilt, offensichtlich und sollten m.E. in Zukunft auch nicht mehr gesondert voneinander gedacht werden.

Im konkreten Fall des «Unser Vater» ist zum Beispiel zu bedenken, dass nach der islamischen Überlieferung der Prophet Muhammad folgendes Gebet gesprochen habe:

«Unser Herr, der im Himmel ist, geheiligt werde dein Name. Dein Befehl ist im Himmel wie auf Erden. Wie deine Barmherzigkeit im Himmel ist, so lass sie auf Erden sein und vergib uns unsere Sünden und Übertretungen, denn du bist der Herr der Rechtschaffenen.»[1]

Die inhaltliche und sprachliche Analogie zum christlichen Vaterunser ist frappant und wohl nicht zufällig. Es legt nahe, dass Muhammad das «Vaterunser» gekannt hat und es für sich adaptiert hat. Das Adaptieren von Gebeten der Vorgängerpropheten ist für den islamischen Kontext keine Ausnahme, so wird zum Beispiel auch eines der Gebete Abrahams im Koran zitiert.

Während das Gebet Abrahams als Koran-Rezitation Teil des islamischen rituellen Gebetes sein kann, ist das «muhammadanische Vaterunser» nicht koranisch und daher nicht Teil des rituellen Gebetes im Islam (Șalāt). Es kann aber als freies Bittgebet (Duʿā) zu beliebiger Zeit, an beliebigem Ort und in beliebiger Körperhaltung rezitiert werden.

Neben der inhaltlichen Nähe, ist auch die phonetische Nähe von «Abbānā («Unser Vater») und «Rabbanā» («Unser Herr») im Arabischen bemerkenswert. Sicher liesse sich im Hebräischen und Aramäischen auf die semitischen Wurzeln «ab» und «rabb» verweisen.

Persönlich wurde ich schon öfter gefragt, ob ich als Muslimin das «Vaterunser» beten könne, i.S. von ob ich es bejahen könne.

Bis auf den «Vater» kann ich es ohne Weiteres bejahen. Aus theologischen und feministischen Gründen lehne ich den «Vater» als Gottesanrede ab und empfinde es als eine Gnade, dass sie mir nicht abverlangt wird. Ein stark männlich konnotiertes Gottesbild stützt die islamische Theologie nicht. In der Anrede «Rabb» («Herr») kommt der hierarchische aber auch der fürsorgerische Aspekt von Gott gegenüber dem Menschen zum Ausdruck. Im Begriff «Ab» («Vater») steht zunächst das verwandtschaftliche Aspekt im Vordergrund und zwar im biologischen Sinn. Das transzendente Gottesverständnis im Islam legt nicht nahe Gott in biologischen Kategorien zu umschreiben. Die Vorstellung, dass wenn Gott Vater wäre er auch Bruder sein könnte, ist zu nahe an der Verletzung des einzigen islamischen Dogmas, das Einssein Gottes, das auch als All-Umafassend und einzigartig verstanden wird und keine Geschwister als ranggleich neben Gott zulassen würde.

Sehr anregend fand ich die Diskussion um die Bitte nicht in Versuchung geführt zu werden. Hier liessen sich zwischen dem Hochgebet im Christentum und im Islam ( Al-Fatiha , die erste Sure im Koran) und wohl auch im jüdischen Hochgebet (Schma Jisrael) spannende Analogien, Bezugnahmen, Entwicklungen und Unterschiede ausmachen.

Das ein paar Gedanken auf die Schnelle und mit herzlichen Grüssen

Amira Hafner

PS1: Ich kam noch nie auf die Idee Christinnen zu fragen, ob sie die Fatiha mitbeten könnten…
PS 2: Das angebende Buch von Annemarie Schimmel folgt dem Wortlaut des Vaterunsers…
😉
[1] Schimmel Annemarie: Dein Wille geschehe, Die schönsten Islamischen Gebete, 5. Auflage, Kandern im Schwarzwald 2004, S.11, übersetzt und  zitiert nach K.A. Farid, Prayers of Muhammad, Karachi 1961
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Religion und Frauen

Ist Religion schlecht für Frauen? Beitrag von Doris Strahm auf feinschwarz.net

FAMAiges zum Thema

 

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Ein Gebet wie ein Haus

Jacqueline Sonego Mettner

Ich besuche es oft und seit langem. Manchmal allein, manchmal zusammen mit ganz verschiedenen Menschen. Manchmal bin ich auch die Reiseführerin und mache kleine Hausbesichtigungen. Das Besondere an diesem Haus ist, dass es sich verändern kann. Mal sind die Zimmer gross und reich ausgestattet; mal besteht es eigentlich nur aus der Küche, wo es immer ein Stück Brot gibt. Manchmal bleibe ich ein wenig und setze mich in der Küche an den Tisch und dann verwandelt sich das Brot in alles, was ich an diesem Tag zum Leben brauche.

Unser Vater im Himmel

Das Entré ist nicht besonders einladend. Es steht da immer so ein alter Mann herum und man fragt sich, ob ihm das Haus allein gehört und immer er der Gastgeber sein muss. Es wäre schön, wenn einen einmal eine Frau empfangen würde oder auch einfach nur ein einladendes Licht. Es gibt zwar Leute, die lieben gerade diesen alten Mann, zu dem sie «Vater» sagen können. Und manchmal komme auch ich angerannt und bin einfach froh, dass ich hier unterstehen kann und ausatmen und es ist mir dann egal, ob die Brust, an die ich mich lehne, behaart oder üppig gepolstert ist.

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Unser Vater? FAMA 4_2017

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unser?Vater?unser? – verlinkt

Ein Versuch im Ostschweizer Dialekt … hier reinhören .
Von Moni Egger erscheint voraussichtlich im April 2018 im Rex-Verlag das Lehrmittel „Dein Reich komme“, das Kindern das Gebet Jesu im Biblischen Kontext näher bringt.

Buchbeschreibung

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Themenheft reli.ch 

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Veranstaltungen

Woche der Religionen – Gemeinsam für Begegnung und Dialog
4.-12. November 2017
Jedes Jahr in der ersten Novemberwoche hat die «Woche der Religionen» ihren festen Platz in der interreligiösen Agenda. Rund 150 Veranstaltungen laden zu Begegnung und Dialog zwischen den in der Schweiz ansässigen Religionen und Kulturen ein. Organisiert wird die Woche vom interreligiösen Netzwerk IRAS COTIS.
Ein nachbarschaftlicher Besuch im Gotteshaus einer anderen Religionsgemeinschaft oder kultureller Austausch bei Kalligraphie, Theater oder Lesungen; Diskussionen über Humor, Versöhnung und Umwelt oder auch musikalische Begegnungen bei Gesang und Tänzen: Vielfältige Angebote laden in dieser Woche ein zu Dialog und Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit. http://www.iras-cotis.ch

Wirtschaft ist Care: Zwanzig Jahre Datenerhebung zur unbezahlten Arbeit in der Schweiz!
„Zweites Frühstück mit Inhalt“
11.
November 2017, 9.30 – 13 Uhr, Bern, Schmiedensaal, Schmiedenplatz 5
Mehr als die Hälfte aller notwendigen Arbeit wird unbezahlt geleistet: meist in Privathaushalten, mehrheitlich von Frauen. Seit 1997 erhebt das Bundesamt für Statistik die entsprechenden Zahlen für die Schweiz. Die feministische Hausarbeits-Debatte der 1970er und 1980er Jahre erforschte Fürsorge-Arbeit und machte sie sichtbar. 1995 diskutierten tausend Frauen an der ersten Frauensynode in St. Gallen ein care-zentriertes Verständnis von Ökonomie. Sie forderten vom Bund die Erhebung der entsprechenden Daten. Heute belegt die wachsende Care-Bewegung mit diesen Zahlen, dass Fürsorge-Arbeit die Mitte der Ökonomie bildet.
Im Rahmen des synodalen Prozesses „Schweizer Frauensynode 2020: Wirtschaft ist Care“ blicken wir auf diese Geschichte zurück. Wir feiern, dass Care allmählich zum Zentrum und Kriterium für alles Wirtschaften wird. Und wir denken darüber nach, wie es weitergehen soll in Richtung auf ein gutes Leben für alle Menschen weltweit!
Mit Jacqueline Schön-Bühlmann, Bundesamt für Statistik; Natascha Wey, Co-Präsidentin SP-Frauen, Helmut Kaiser, Ethiker; Moderation: Regula Grünenfelder und Ina Praetorius. Eintritt inkl. vegetarisches Frühstücksbüffet: CHF 50.00, Information und Anmeldung an info@frauensynode.ch.

Ich aber sage euch – Biblische Einsprüche in populistischen Zeiten
Ökumenische Herbsttagung zum Reformationsjubiläum, 18.11.2017, 8.30 bis 16.15 Uhr, Rotonda der Pfarrei Dreifaltigkeit, Bern, Sulgeneckstr. 11/13
Die Verliererinnen und Verlierer der Globalisierung melden sich. Neuer Nationalismus und eine «wir zuerst»-Mentalität werden salonfähig. Wie gehen wir als Kirche und als Zivilgesellschaft mit realen Nöten, der medialen Bewirtschaftung der Angst und populistischem Lärm um?
Die ökumenische Herbsttagung 2017 lädt dazu ein, in unserer Zeit mit reformatorischer Methode zu wirken: Wir geben unserem Fundament Kredit, ohne fundamentalistische Reflexen Raum zu geben. Aus schweizerischer, polnischer, brasilianischer und US-amerikanischer Perspektive und im Vertrauen auf biblische Grundlagen suchen wir nach Wahrheiten unter der Oberfläche. Mit Peter Bichsel, Elzbieta Adamiak, Nancy Cardoso, Brigitte Kahl und vielen weiteren Teilnehmenden. Details: www.oeme.ch, Anmeldung bis 7.11. an oeme@refbejuso.ch

Willkommen zu Hause – Eine Ausstellung zu Gewalt in Familie und Partnerschaft
Was geschieht hinter verschlossenen  Türen? Wie erleben direkt Betroffene Häusliche Gewalt? Wie fühlen sich Kinder? Begehbare Ausstellungselemente mit alltäglichen häuslichen Situationen ermöglichen einen Einblick in die Lebenswelt Betroffener und zeigen Wege aus der Gewalt auf.
Im Rahmen von 16 Tage gegen Gewalt an Frauen finden vom 24.11. bis 10.12. in der ganzen Schweiz Aktionen statt. www.16tage.ch

Blumen für die Kunst
6.3. – 11.3.2018 (Vernissage:  5.3.,18 Uhr), Aargauer Kunsthaus
Florale Interpretationen von Werken aus der Sammlung
Herausragende Schweizer Meisterfloristinnen und -floristen stellen ihre blumigen Kompositionen Kunstwerken aus der Sammlung gegenüber. Ein vielfältiges Vermittlungsprogramm ermöglicht einen Einblick in die wechselseitigen Beziehungen zwischen Blumen und Kunst.

Geschlechterrollen in den Religionen
Fachtagung Interreligiöse Friedensarbeit, März 2018, 9-17 Uhr, Basel, Missionsstr. 21.
Vorträge von Esma Isis-Arnautovic, Magdalena Zimmermann, Amira Hafner-Al Jabaji und Ahmad Mansour. Anmeldungen bis 15. Februar 2018.
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Gerechtigkeit leidenschaftlich suchen – Marga Bührig Preisverleihung 2017

Zum 20 jährigen Jubiläum findet die Marga-Bührig Preisverleihung 2017 im Rahmen eines Symposiums statt.

Passend zur feministischen Aufbruchsstimmung weltweit geht es ums Thema:

Migration, Gender, Religion – Der Beitrag feministischer Befreiungstheologie für ein offenes und demokratisches Europa

Der Marga Bührig Preis 2017 geht an Verena Naegeli, Josée Ngalula, Ina Praetorius und Brigitte Rabarijaona.  Ausgezeichnet wird der zweisprachige Sammelband„Nous avons un désir“ / „There is something we long for“, weil er einen spannenden, gelungenen interkulturellen Dialog widerspiegelt. mehr

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